Western (Genre)

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    Der Western ist das amerikanische Genre schlechthin. Er liefert wie keine andere typisch amerikanische Kunstform einen elementaren Schlüssel zum Verständnis der Mentalität und Geschichte der Vereinigten Staaten. Denn der Western spielt in der Zeit der Landnahme des amerikanischen Westens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der historisch wichtigsten Phase der noch jungen USA zur Bildung eines nationalen Selbstverständnisses.

    Im Western geht es um die zunehmende Verschiebung der Frontier, der imaginären Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, nach Westen - um den Mythos des "Go West". Der Prozess der Zivilisierung äußert sich dabei durch die Gründung von Städten und Ranches mitten in der Wüste. Als Verkörperungen der Wildnis müssen oft genug die amerikanischen Ureinwohner herhalten, aber auch verschiedene Typen von Gesetzeslosen. Durch diese ständige, rastlose Bewegung durch das weite Land entwickelten sich die klassischen amerikanischen Tugenden wie das Streben nach Freiheit, Mobilität und Individualismus, die in den Westernfilmen immer wieder aufs Neue verhandelt werden.

    Der zweite uramerikanische Mythos, der den Western maßgeblich prägt, ist die Idee der sogenannten Regeneration through Violence, also der Gedanke, dass Amerika sich durch den fortlaufend ausgefochtenen Kampf zwischen Gut und Böse immer wieder stärken kann. Dieser Kampf wird in jedem Western durch die unterschiedlichsten Konstellationen - wie etwa Sheriff gegen Outlaw - ausgetragen.

    Typische Motive und Stilmittel

    Motive

    Die zentralen Motive des Westerns spiegeln die verschiedenen Etappen der Eroberung und Besiedelung des noch "wilden" Westens wieder.

    Das beginnt bei der Erschließung des Landes durch Rinderherden (Red River (1948)) und Postkutschen (Ringo (1939)), oder durch den Bau von Eisenbahnschienen, der für zahlreiche Western den Hintergrund abgab - von John Fords Das eiserne Pferd (1924) bis Spiel mir das Lied vom Tod (1969). Ein weiteres Hauptmotiv, das sich aus dem ersten ergibt, sind die grausamen Kriege gegen Indianer, denen das Land abgezwungen wurde.

    Andere Filme spielen in Zeiten, in denen sich schon Städte etabliert haben. Der tragende Konflikt entspringt hier dem Kampf um die Durchsetzung von Recht und Ordnung zwischen den Vertretern des Gesetzes auf der einen und den Gesetzeslosen auf der anderen Seite.

    Beliebt sind in diesem Kontext die sogenannten Town Tamer Stories: Ein Fremder kommt in eine Stadt, die von einer Gruppe von Verbrechern oder von einem diktatorischen Viehbaron terrorisiert wird. Er entschließt sich, den Unterdrückten beizustehen und den Schurken im Alleingang herauszufordern, um die Stadt zu zähmen. Dieses Thema zieht sich durch die Genre-Geschichte von klassischen Western wie etwa Faustrecht der Prärie (1946) bis hin zu Italo-Western wie Für eine Handvoll Dollar (1964).

    Ein häufig wiederkehrender Gegenstand ist auch das Streben nach Rache, das für eine Hauptfigur zum alleinigen Daseinsgrund wird (Der schwarze Falke (1956), Spiel mir das Lied vom Tod (1969)). Das Thema Rache kann zwar auch in anderen Genres eine Rolle spielen, im Western lässt es sich aber aufgrund des Settings in einer Zeit zwischen Ordnung und Gesetzlosigkeit optimal ausspielen.

    Stilmittel

    Der Western ist optisch von der amerikanischen Landschaftsmalerei des späten 19. Jahrhunderts inspiriert. Diese erzeugt durch die Abbildung von Cowboys und Indianern in den weiten Landschaften des unberührten Westens eine erhabene Lagerfeuerromantik, die gerne von Regisseuren und Ausstattern des Westernfilms aufgegriffen wird.

    Deshalb ist das wichtigste optische Stilmittel die Panorama-Einstellung, also eine extrem weite Kameraeinstellung, die die Grenzenlosigkeit der Landschaft des Wilden Westens optimal zur Geltung bringt. Später im Italo-Western ersetzen extreme Naheinstellungen von den Gesichtern der Helden die Panorama-Einstellungen und rücken damit die einzelnen Figuren in den Mittelpunkt.


    Typische Figuren

    Die zentrale und klar umrissene Figur eines jeden Westerns ist der sogenannte Westerner: Er ist ein wortkarger Einzelgänger mit festen Prinzipien, für die er im Notfall auch mit Waffengewalt eintritt. Sein Herz ist immer auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten, für die er sich mit Überzeugung einsetzt. Sein Grundsatz ist, dass er sich einem Konflikt, auf den er sich einmal eingelassen hat, stellen muss, egal wie groß die Widerstände sind. Der Westerner bildet damit die heroisierte Verkörperung des amerikanischen Individualismus.

    Der Westernheld kann in Gestalt eines Trappers oder Jägers auftreten, eines Kavalleristen oder Scouts, der Reisende vor Indianerangriffen beschützt, als Ordnungshüter in der Stadt oder als reisender Kopfgeldjäger.

    Gemeinsam haben alle diese Typen, dass sie sich als Helfer für die Gesellschaft im Dienste der Zivilisierung engagieren, ohne selbst direkt an der Gemeinschaft teilzuhaben. Der Westerner bewegt sich als Grenzgänger zwischen Zivilisation und Wildnis, ohne jemals einer der beiden Sphären völlig anzugehören und sesshaft werden zu können.Diese Zerrissenheit macht ihn zu einer einsamen und tragischen Figur. In späteren Filmen des Genres ist der Westerner dann auch nicht mehr als strahlender Held zu sehen, der immer genau weiß, was er tut, sondern als gebrochene Figur.


    Subgenres

    Indianerwestern

    Vor allem in älteren Filmen des Genres bilden Indianer die Verkörperung der Wildnis, die den Pionieren bei ihrer Eroberung des Westens im Weg stehen. Um die Aneignung ihres Landes im Rückblick zu legitimieren, werden die Ureinwohner zu grausamen Barbaren dämonisiert.

    Erst relativ spät in der Geschichte des Genres - in den 50er Jahren - erschienen Filme, die Indianer nicht nur als Bedrohung für die junge Zivilisation zeigten, sondern über Leben und Kultur der amerikanischen Ureinwohner aus deren eigener Sicht berichteten. Dieses Umdenken lässt sich möglicherweise mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs erklären: Durch die Konfrontation mit der Verfolgung der Juden durch den Nationalsozialismus war man auch in Amerika gezwungen, mit dem Problem des Völkermordes umzugehen, nachdem der Massenmord an den Indianern zunächst verdrängt oder wie im Western sogar glorifiziert wurde.

    Aber auch in den indianerfreundlichen Western wird die Kultur der Ureinwohner meist nur über die Vermittlungsfigur eines weißen Westerners geschildert. Der Westerner ist dabei ein Grenzgänger zwischen den Kulturen, der eine Zeitlang bei den Indianern lebt, wie in Der gebrochene Pfeil (1950), Ein Mann, den sie Pferd nannten (1969) oder später Der mit dem Wolf tanzt (1990). Nur wenige Filme sind konsequent aus der Sicht der Indianer erzählt - solche Ausnahmen sind etwa Fluch des Blutes (1950) oder John Fords Cheyenne (1964).

    Karl-May-Western

    Karl-May-Western sind Filme, die auf den Romanen des deutschen Schriftstellers Karl May basieren. Bereits in den 1920er Jahren erschienen erste Verfilmungen. Der Durchbruch des Subgenres gelang 1962 mit Der Schatz im Silbersee; der Film sollte zur erfolgreichsten deutschen Produktion der 60er Jahre avancieren. Anschließend folgte eine regelrechte Karl-May-Filmwelle im deutschen Kino. Die Drehorte waren überwiegend in Kroatien (damals Teil Jugoslawiens) angesiedelt. Die Romanvorlagen wurden nur unter starker Bearbeitung filmisch umgesetzt, manche Handlungsstränge und sogar zwei komplette Filme sind völlig frei vom Drehbuchautor erfunden.

    Charakteristisch ist die Freundschaft zwischen dem klassischen Westernheld Old Shatterhand und dem edlen Indianerhäuptling Winnetou. Beide handeln nach hohen moralischen Prinzipien und erstreben ein friedliches Zusammenleben zwischen Siedlern und Indianern. Untergraben werden diese Versuche zumeist durch habgierige Weiße, die entweder alleine als Gaunerbande oder mit der Unterstützung bestochener oder aufgebrachter Indianer Unheil anrichten.

    Italowestern

    In den 60er Jahren entstand in Italien eine Reihe von Western, die sich von den klassischen amerikanischen Filmen radikal unterschied. Die Helden waren zynische, grimmige Gestalten, die das Bild des klassischen Westerners ins Parodistische verzerrten. Anstatt sich für die Gemeinschaft einzusetzen, interessieren sich die Helden des Italowesterns wie "Ringo" oder "Django" nur für ihre Bezahlung oder für persönliche Rache - dieses Motiv prägt fast alle Italowestern.

    Aber dennoch ist der Held auch hier die Verkörperung des Guten: Er ist immer noch moralischer als der Rest seiner Welt, der ihn an Verschlagenheit und Bösartigkeit nochmals übertrifft. Der Zuschauer kann sich aber nicht mehr sicher sein, dass das Gute am Ende siegt. In Leichen pflastern seinen Weg (1968) etwa wird der Protagonist am Ende erschossen, ohne sich dabei für etwas Höheres zu opfern.

    Auch stilistisch haben die italienischen Western nur noch wenig mit ihren amerikanischen Vorbildern gemeinsam: Anstatt der weiten Prärie entwirft Django (1966) eine Welt aus Schlamm und Regen.

    Der bekannteste Regisseur des Italowesterns ist sicherlich Sergio Leone mit seiner Dollartrilogie mit dem jungen Clint Eastwood: Für eine Handvoll Dollar (1964), Für ein paar Dollar mehr (1966) und Zwei glorreiche Halunken (1966). Die Inszenierung dieser Filme ist voller Manierismen wie extremen Kamerawinkeln und opernhafter Musik und arbeitet mit ironischen Brüchen.

    Die hier bereits angelegte Tendenz zur Komik verstärkt sich in der Geschichte des Subgenres bis hin zu den Klamauk-Western mit Bud Spencer und Terence Hill - wie etwa Vier Fäuste für ein Hallelujah (1970).

    Anti-Western

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    Der Oberbegriff des Anti-Western bezeichnet Filme, die sich bewusst von den Klischees des klassischen Western lösen und eine Gegenströmung zu diesem darstellen. Klassische Handlungsstränge, Sets, Stilmittel und Charaktere werden zwar übernommen, jedoch werden diese im Sinne des klassischen Western unkonform verwendet. Dies führt zu einer Demaskierung der idealisierenden und stereotypischen Darstellung der Besiedelung des Westens.

    Anti-Western entstanden in den 1960er Jahren in der Zeit des Vietnamkriegs als Protest gegen die Unreflektiertheit und Verlogenheit des amerikanischen Patriotismus.

    Beliebte Inhalte sind beispielsweise Antihelden, starke Frauenrollen, indianersympathische Darstellung, Kritik gegen die Haltung der Siedler, der Regierung und des Militärs, gesteigerte Gewalt und Gesetzlosigkeit, Sexualität und schwarzer Humor.

    Als Filme, in denen verschiedene der genannten Anti-Western-Aspekte zu finden sind, gelten Zwei glorreiche Halunken (1966), Tombstone (1993) und Open Range - Weites Land (2003).


    Geschichte

    Klassische Phase

    Die Frühzeit des Westerns von 1903, als mit Der große Eisenbahnraub der erste Film des Genres fertiggestellt wurde, bis ca. 1950 wird in drei Phasen unterteilt: Naive Western, epische Western und dramatische Western.

    In der naiven Phase (ca. 1908-1925) galt das Interesse ausschließlich dem Spektakel. Die Filme zelebrierten akrobatische Reitszenen und spektakuläre Schießereien, die Charaktere waren dagegen zweitrangig und blieben zwangsläufig ein-dimensional.

    Bei den epischen Western (ca.1923-1939) handelt es sich um klassische Heldenerzählungen. Die Eroberung und Zivilisierung des "Wilden Westens" wird als heroischer Kampf mit der Natur (und den Indianern) gefeiert. Typisch für diese Phase ist der "Planwagen- bzw. Treckfilm", in dem eine Gruppe von Pionieren große Räume durchwandert. Die Karawane (1923) etwa erzählt von einem Treck, der zur Gründung von Oregon führt. Anstatt im Studio wurde vermehrt im Freien gedreht, die Landschaft wird als wichtiger Faktor des Westerns entdeckt.

    In der dramatischen Phase (ca.1939-1950) konzentrieren sich die Filme auf einen einzelnen Konflikt mit einer einsträngigen Handlung, anstatt auf großangelegte Unternehmungen wie im epischen Western. Dadurch rückt eine Hauptfigur in den Mittelpunkt, die Figurenzeichnung wird differenzierter. Aus diesem Grund werden die dramatischen Western auch psychologische Western genannt. In dieser Phase entstanden einige wichtige Meilensteine des Genres wie die beiden John Ford- Klassiker Ringo (1939) und Faustrecht der Prärie (1946), sowie Red River (1948) von Howard Hawks, neben John Ford einer der wichtigsten Regisseure des klassischen Westerns.

    Adult Western

    Die 50er Jahre gelten als das Jahrzehnt des Westerns schlechthin. Die typischen Filme dieser Epoche werden als "Adult Western" bezeichnet, weil sie "erwachsene" Themen im Gewand des Westerngenres diskutieren. Den Regisseuren der 50er Jahre reichte es nicht mehr, ein althergebrachtes, naives Western-Motiv zu verfilmen, sie wollten mittels der Formen des Genres Themen wie Moral, Politik oder Liebe ernsthaft verhandeln.

    Ein berühmtes Beispiel für diesen Typ ist Zwölf Uhr mittags von 1952: Die zentrale Figur des Westerners, hier verkörpert von der Figur des Marshalls Will Kane, möchte mit seiner frisch angetrauten Gattin ein neues Leben beginnen. Da erfährt er, dass ein Mörder in seine Stadt kommt, der sich an Kane rächen will. Der Marshall sucht in der Stadt nach Helfern, aber niemand will ihn unterstützen. Der Film reflektiert ernsthaft Themen wie Mut, Solidarität und Verantwortung für die Gemeinschaft, die in früheren Filmen noch selbstverständliche Größen waren.

    Der Westerner wird in den 50er Jahren verstärkt als eine zerrissene, gebrochene Figur gezeigt. Die exemplarische Verkörperung dieses Typs ist Ethan Edwards (John Wayne) in Der schwarze Falke (1956). Edwards ist ein manischer Indianerhasser, der seine Nichte aus den Fängen der Comanchen befreien will. Er jagt seiner Nichte mehrere Jahre nach. Als er sie schließlich befreit, zieht er wieder hinaus in die Prärie: Für einen Menschen wie ihn kann es keine Heimat geben.

    Die Adult Western kommen auch optisch realistischer und düsterer daher als die noch recht optimistischen klassischen Western. Weitere wichtige Filme dieser Ära sind Mein großer Freund Shane (1953), Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen (1954) oder Vierzig Gewehre (1957).

    Spätwestern

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    Ab den 60er Jahren beginnt die Phase der Spätwestern. Als spät kann man diese Filme aufgrund ihres späten Auftretens in der Filmgeschichte bezeichnen, aber auch weil sie in einer Zeit spielen, in der der Westen schon nicht mehr wirklich wild war, und es keine Frontier mehr gab. Mit dem Westen sind auch die Helden gealtert, auffällig viele Hauptfiguren sind ältere Männer, so in The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz (1969) oder Erbarmungslos (1992).

    Bei allen Spätwestern handelt es sich um Abgesänge auf alte Ideale, die mit den neuen, veränderten Zeiten verschwunden sind. Manche Western gehen melancholisch damit um, wie John Ford in seinem Spätwerk Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962), andere spielerisch-nostalgisch wie Zwei Banditen (1969), oder düster pessimistisch wie The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz (1969) und Erbarmungslos (1992).

    Eine besondere Spielart ist der Anti-Western, der die Mythen des Western nicht nur reflektiert, sondern radikal zerstört - wie etwa McCabe und Mrs. Miller (1971).

    Auch mit dem Verhältnis zu den Indianern geht der Spätwestern gnadenlos ehrlich um: In Little Big Man (1970) wird der Kampf gegen die Indianer ungeschönt als Völkermord gezeigt.

    In vielen Werken wird auch der Prozess der Legendenbildung, der unterschwellig alle Western begleitet, direkt thematisiert und in Frage gestellt. In Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962) gründet der Ruhm eines eigentlich friedfertigen Senators auf der Legende, er hätte die Stadt von dem brutalen Outlaw Liberty Valance erlöst, obwohl ein alternder Revolverheld die Tat begangen hatte. In Erbarmungslos, Clint Eastwoods radikalem Abgesang auf den Westerner, tritt in einer Nebenrolle ein legendärer Revolverheld mit seinem Biographen auf, beide Charaktere, die Legende und der Legendenschreiber, werden als lächerliche Figuren entlarvt.


    Die Klassiker: 10 Western, die man gesehen haben muss

    Ringo (1939)

    Faustrecht der Prärie (1946)

    Red River (1948)

    Zwölf Uhr mittags (1952)

    Mein großer Freund Shane (1953)

    Der schwarze Falke (1956)

    Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962)

    The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz (1969)

    Spiel mir das Lied vom Tod (1969)

    Erbarmungslos (1992)