Artikel aus Magazin - Januar 2013

    Aus Film-Lexikon.de

    Oscar 2013: Überraschungen und Favoriten

    25. Januar 2013  

    Die verblüffendsten und erfreulichen Überraschungen waren sicherlich die Nominierungen von LIEBE und BEASTS OF THE SOUTHERN WILD für bester Film und beste Regie - ein europäischer Film und eine Indie-Produktion findet sich selten unter den auserwählten Filmen. LIEBE galt als gesetzt für den besten nicht-englischsprachigen Film, aber mit einer Nominierung als bester Film geschweige denn für Michael Haneke als bester Regisseur war beileibe nicht zu rechnen.

    Gerade bei den Regisseuren gab es die größten Abweichungen gegenüber anderen Filmpreisen wie dem Golden Globe, ein Indikator dafür, dass die Oscars immer unberechenbarer werden. Die Überraschung ist wie gesagt die Berücksichtigung von Haneke und Benh Zeitlin (BEASTS OF THE SOUTHERN WILD). Dafür musste gegenüber dem Golden Globe unter anderem der Regie-Titan Quentin Tarantino weichen, dessen DJANGO UNCHAINED aber unter den neun bester Film-Nominierten landet. Gleiches gilt für Katryn Bigelow, die überraschenderweise nicht für die beste Regie vorgeschlagen wurde. Ihr Politthriller ZERO DARK THIRTY über die Jagd auf Osama bin Laden war der eher konservativen Academy wohl zu kontrovers. Als Favorit hat sich spätestens jetzt Steven Spielbergs Historiendrama LINCOLN mit 12 Nominierungen – darunter Film, Regie und Hauptdarsteller (der Topfavorit Daniel Day-Lewis) – herauskristallisiert. Gerade in einer politischen Identitätskrise scheinen sich die Amerikaner auf einen ihrer großen Präsidenten zu besinnen.

    Zumindest nach der Anzahl der Nominierungen ist Ang Lees LIFE OF PI der größte Herausforderer von LINCOLN. Die Chancen des 3D-Spektakels werden aber dadurch gemindert, dass der Film bei 11 Nominierungen keine einzige für einen Schauspieler erhielt, was nur selten zu Gold für den besten Film führt. Aber auch hier kennt die Oscar-Geschichte Ausnahmen – siehe SLUMDOG MILLIONÄR von 2008 – wie LIFE OF PI ein Film über Indien…

    Als Geheimtipp kann aber eher SILVER LININGS gelten, der in allen sieben Hauptkategorien (Film, Regie, Drehbuch, alle vier Schauspielabteilungen) nominiert wurde. Dies kommt selten genug vor, war aber in der Vergangenheit nicht selten der Weg zum tatsächlichen Oscar-Abräumer. Als liebenswert-chaotische Komödie ist SILVER LININGS alles andere als typisches Oscar-Material, aber vielleicht ist die Zeit ja jetzt reif. Gerade bei der Gruppe der Schauspieler, die das größte Kontingent der Academy stellt, gilt der Film als beliebt, und er hat Herz, ein Faktor der angeblich vor zwei Jahren dafür gesorgt hat, dass das Feel-Good-Movie THE KINGS SPEECH über den perfekten, aber kalten THE SOCIAL NETWORK triumphierte.