Gangsterfilm

Aus Film-Lexikon.de

Der Gangsterfilm ist eng mit dem Kriminalfilm verwandt. Während aber in jenem die Aufdeckung eines Verbrechens im Mittelpunkt steht, wird im Gangsterfilm aus der Perspektive des Verbrechers selbst erzählt. Die Protagonisten der klassischen Gangsterfilme sind nicht Normalbürger, die durch Zufall in kriminelle Machenschaften geraten, wie es im Thriller meist der Fall ist, sondern Berufsverbrecher, die sich in der Parallelwelt des Gangstermilieus bewegen.

Die Gangster leben ein Leben außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und können sich durch ihre Rücksichtslosigkeit oft jegliche Wünsche erfüllen, was ihren Lebensstil für das Publikum unterschwellig attraktiv macht. Durch die dem Gangsterfilm eigene Perspektivierung ist der Zuschauer gezwungen, sich mit dem Verbrecher zu identifizieren. Die Faszination für das alle Konventionen überschreitende Verbrechen tritt im Gangsterfilm also viel offener zutage als im Kriminalfilm.

Um dem vorzubeugen, waren die Produktionsfirmen in älteren Filmen wegen der Zensur gezwungen, Warnungen vor den Film zu stellen. In Scarface (1932), einem frühen Meilenstein des Genres, heißt es im Vorspann, dass mit dem Film die Macht der kriminellen Banden angeprangert werden soll, die Zuschauer und auch die Regierung sollen animiert werden, ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Bandenkriminalität zu überdenken.

Dieses Prinzip findet sich unausgesprochen in nahezu allen folgenden Gangsterstreifen. Von Der kleine Caesar (1931) bis Departed - Unter Feinden (2006), beinahe immer lautet die Moral: "Verbrechen lohnt sich nicht".

Typische Motive und Stilmittel

Motive

Das zentrale Motiv in den klassischen Gangsterfilmen ist die Geschichte des Aufstiegs und Falls eines Gangsters. Dabei schließt sich der meist aus armen Verhältnissen stammende Gangster einer kriminellen Organisation an und arbeitet sich gegen interne Widerstände hoch, in vielen Filmen sogar bis an die Spitze. Am Ende der Story steht aber der Absturz.

Der Gangster wird dabei nicht unbedingt wie im Krimi von der Polizei, die die soziale Ordnung repräsentiert, aus dem Verkehr gezogen, sondern zerstört sich durch seine Gier nach Macht und Geld selbst oder wird von Kontrahenten aus dem Gangstermilieu getötet. Aufgegriffen wird dieses Motiv etwa in Scarface (1932), für den das Leben des legendären Gangsters Al Capone Pate stand, oder in GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990).

Schauplatz der Gangsterfilme ist fast immer die Großstadt, in der kriminelle Strukturen ungestört wuchern können.

Stilmittel

Neben dem Horrorfilm und dem Musical ist der Gangsterfilm eines der Genres, das mit der Einführung des Tonfilms Ende der 20er Jahre erst richtig entstehen konnte. Denn der frühe Gangsterfilm lebt von Soundeffekten wie dem Klingeln von Telefonen, Heulen der Motoren und Rattern der Maschinengewehrsalven, die die Handlung dynamisch vorantreiben.

Schon früh prägten sich im Gangsterfilm auch einige visuelle Stilmerkmale aus, die über die gesamte Filmgeschichte inspirierend geblieben sind: 1930 verbot der sogenannte "Hayes Code" die explizite Darstellung von Gewalt. Deshalb waren die Regisseure gezwungen, die für den Gangsterfilm unabdingbaren Gewaltszenen indirekt anzudeuten, und überboten sich bald gegenseitig in ihren kreativen Anspielungen.

In Der kleine Caesar (1931) etwa wird die Hauptfigur durch eine Plakatwand erschossen, oft sind auch nur Pistolenschüsse zu hören und gleichzeitig Schatten von zusammensinkenden Menschen zu sehen. Auch in späteren Filmen, die Gewalt offener zeigen dürfen, wurden diese Stilmittel noch aufgegriffen, da die angemessene Darstellung von Gewalt immer ein Thema blieb. Bei Martin Scorsese hingegen werden die Morde zur Abschreckung überdeutlich und brutal gezeigt.


Typische Figuren

Der Gangster

Die zentrale Figur des Gangsterfilms ist der "Mobster", also der Berufsverbrecher, der Mitglied oder Kopf einer kriminellen Vereinigung ist. Er entstammt meistens der Arbeiterklasse oder dem Einwanderermilieu und sieht in einer kriminellen Karriere die einzige Chance, in seinem Leben zu Geld und Ansehen zu kommen. Dazu muss er sich rücksichtlos nach oben kämpfen und steht oft im Konflikt mit seiner Familie. In vielen Filmen unterstützt der Gangster, wenn er zu Geld gekommen ist, sein Herkunftsmilieu und wird so zum Volkshelden stilisiert.

Immer ist der Gangster aber auch eine tragische Figur, er ist ständig in Gefahr aufzufliegen und auf sich allein gestellt, weil er auch in seiner Gang niemandem wirklich trauen kann. Er ist von der "normalen“ Gesellschaft ausgeschlossen, versucht deswegen umso mehr, bürgerliche Statussymbole wie teuere Kleidung zu kopieren. Ein gutes Beispiel für diesen Typ ist der von Al Pacino gespielte Tony Montana in dem freien Scarface-Remake von 1983, ein kubanischer Flüchtling, der sich in einer Organisation Reichtum erarbeitet hat und letztlich an seiner Paranoia zugrunde geht.

Couple on the run

Ein berühmter Figurentypus ist auch das "Couple on the run", also ein Gangsterpärchen, das sich nach einer Straftat komplett aus der Gesellschaft ausklinkt und permanent auf der Flucht ist. Hier berührt der Gangsterfilm den Roadmovie. Paradigmatisch ist sicherlich der Film Bonnie und Clyde (1967), der auf einem realen Fall aus den 30er Jahren basiert. In ihm werden die Titelhelden noch deutlicher als in klassischen Gangsterstreifen romantisiert und als Rebellen gegen das Establishment der Depressionszeit stilisiert. Düsterer wird das Motiv in Badlands - Zerschossene Träume (1973) verarbeitet. Anfang der 90er Jahre erlebte dieser Typ mit den flüchtigen Hausfrauen Thelma & Louise (1991) eine Renaissance, in Natural Born Killers (1994) wird das Motiv zu einer Mediensatire hinsichtlich der medialen Faszination an Gewalt ausgeweitet.


Subgenres

Caper Movies

Die sogenannten "Caper-" oder auch "Heist Movie" genannten Filme kreisen um einen minutiös geplanten und raffiniert ausgeübten Raubzug, der fast schon zum Kunstwerk stilisiert wird. Nicht der Werdegang eines einzigen Gangsters steht hier im Mittelpunkt, es geht eher um die Dynamik in der Gruppe der Gangster, die speziell für den großen Coup zusammengestellt werden. Die Auswahl von verschiedenen Experten nimmt dabei einen großen Raum ein, genauso wie die präzise Darstellung des Raubs selber.

Stilbildend war der französische Film Rififi (1955), in dem der zentrale Raubzug 30 Minuten ohne Musik oder Dialoge in Anspruch nimmt. Ebenfalls bedeutsam war Asphaltdschungel (1950), in der ein Einbruch bei einem Juwelier zunächst gut geht, die Flucht aber scheitert. Die Spannung innerhalb der Gruppe, die zuletzt zur Katastrophe führt, ist auch Thema in Stanley Kubricks Die Rechnung ging nicht auf (1956); das Scheitern steckt hier schon im (deutschen) Titel. Reservoir Dogs - Wilde Hunde (1991) von Quentin Tarantino zeigt schließlich nur die Selbstzerfleischung der Gang nach dem eskalierten Überfall.

In den letzten Jahren wurde das Subgenre wieder sehr populär, vor allem in der Reihe um die "Ocean Gang" (2001-2007) oder in Inside Man (2005). Einen innovativen Zugang lieferte zuletzt Christopher Nolan mit Inception (2010), in dem eine Gruppe von Spezialisten in Träume anderer Leute eindringt, um dort Gedanken zu rauben oder einzupflanzen. Nolan bezog sich in Interviews explizit auf die Tradition der Caper Movies.

Gefängnisfilm

Ein kleineres Subgenre bildet der Gefängnisfilm. Die Filme sollten ursprünglich eine abschreckende Wirkung erzielen, indem das Gefängnisleben möglichst drastisch geschildert wird. In den meisten Gefängnisfilmen ist die Haftanstalt kein Ort der Läuterung sondern ein Mikrokosmos, in dem die kriminellen Strukturen zementierter sind als in der Welt draußen. In Gefängnisfilmen haben sich feste Motive etabliert wie der sadistische Gefängniswärter, oder die "knastschwulen“ Vergewaltiger.

Die meisten Streifen drehen sich um unschuldig Verurteilte, die aus dem menschenfeindlichen Knast auszubrechen versuchen. Beispiele für den Gefängnisfilm sind etwa Der Unbeugsame (1967), Brubaker (1980) oder Die Verurteilten (1994).


Geschichte

Classic Circle

Unter dem Begriff "Classic Circle" werden drei Werke der frühen 30er Jahre zusammengefasst, die das Genre bis heute prägen: Der kleine Caesar (1931), Der öffentliche Feind (1931) und Scarface (1932) (1932). Der Zeitpunkt ist alles andere als ein Zufall: Nach der Weltwirtschaftkrise und während der Alkoholprohibition blühte in Amerika die Bandenkriminalität. In allen drei Filmen geht es um den Aufstieg von kleinkriminellen Nachkommen von Einwanderfamilien, die sich in der Depressionszeit in einer Gang hocharbeiten. Dabei wird großer Wert auf die Schilderung des Milieus und auf die gesellschaftlichen und persönlichen Ursachen des Abgleitens auf die schiefe Bahn gelegt.

Film Noir

In den Gangsterfilmen der "Schwarzen Serie“ steht nicht mehr der gesamte Werdegang eines einzelnen Mobsters im Mittelpunkt, sondern eher das Ende von schäbigen Kleinganoven. Typisch für die vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges entstandene Schwarze Serie ist generell ein nihilistisches Weltbild, die Figuren folgen einem unausweichlichem Schicksal, anstatt sich einen Platz im Leben zu erobern, wie noch in den Filmen des Classic Circle.

Der typischste Gangsterfilm dieser Art, Rächer der Unterwelt (1947), zeigt einen Kleinkriminellen, der von einer Femme Fatale in einen erfolglosen Raubzug verwickelt wurde und nun apathisch auf seine Ermordung durch zwei andere Gangster wartet. Die Verbrecher des Film Noir sind eher lethargisch und manipulierbar, anders als ihre zu allem entschlossenen Vorgänger der Depressionszeit.

Nouvelle Vague

Ende der 50er Jahre entstand in Frankreich die "Nouvelle Vague" (Neue Welle), die radikal mit dem europäischen Nachkriegskino brach und nach neuen Formen suchte. Dabei bezogen sich die Regisseure der Nouvelle Vague, allen voran Jean-Luc Godard und François Truffaut, auf das amerikanische Genrekino, vor allem auf Regisseure, die es fertig gebracht hatten, innerhalb des starren Studiosystems Hollywoods eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Godard zitiert in Außer Atem (1959) die klassischen Gangsterfilme: Sein Held, ein Kleinganove, der schließlich von seiner Freundin verraten wird, versucht seinem Idol Humphrey Bogart nachzueifern. Der Film bricht ironisch die Klischees des Gangsterfilms, ähnlich wie Truffauts Schießen Sie auf den Pianisten (1960). Ernsthafter bezog sich Der eiskalte Engel (1967) auf den amerikanischen Gangsterfilm. Mit seinem nüchternen Stil hatte er wiederum Einfluss auf US-Filme.

New Hollywood

In Gestalt der "New Hollywood" - Bewegung kam es auch in den USA zu einer neuen Welle, die sich auf die Nouvelle Vague bezog. Der Gangsterfilm Bonnie und Clyde von 1967 gilt neben Die Reifeprüfung (ebenfalls 1967) als Startschuss von New Hollywood.

1972 erschien mit dem ersten Teil der Pate- Saga von Francis Ford Coppola ein Meilenstein des Genres. Die Trilogie (1972, 1974, 1990) zeigt das Leben der amerikanischen Mafia-Familie Corleone über mehrere Generationen und erweitert damit die traditionellen Gangster-Erzählungen um die Komponente eines Familiendramas. Im Mittelpunkt steht Michael Corleone, der sich zunächst aus dem Familiengeschäft heraushalten will, nach dem Tod seines Vaters aber der neue Pate wird. Der Pate zeigt auch deutlicher als frühere Filme die Verquickung von Mafia, Politik, Wirtschaft und Kirche. Die Gewalt ist hier nicht mehr Ausdruck der Persönlichkeit des Gangsters, sondern eine Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln.

Martin Scorsese, wie Coppola Sohn italienischer Einwanderer, zeigt hingegen in Filmen wie Hexenkessel (1973) realistisch und ohne die epische Ausrichtung von Der Pate das Leben von Kleingaunern in New York. In seinen späteren Mafiafilmen, GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990) und Casino (1995), geht es wieder um die Tragik des Aufstieg und Falls eines Gangsters, sowohl der Glamour als auch die Schattenseiten des Gangsterdaseins werden gezeigt.

Gegenwart

1994 führte Quentin Tarantino mit Pulp Fiction einen völlig neuen Tonfall ins Genre ein. Der Film liefert in komplexer, nicht-chronologischer Erzählweise Momentaufnahmen aus dem Alltag von Kleingangstern in Los Angeles. Wie später in Jackie Brown (1998) spielt Tarantino ironisch mit Konventionen des Genres und zeigt ein mit schrägen und lässigen Typen bevölkertes Milieu.

Diese Form von Coolness ohne offensichtliche Moralisierung war stilbildend für etliche Gangsterfilme wie zum Beispiel Bube Dame König grAs(1998). Kaum ein Gangsterfilm kam noch ohne die Tarantino-typischen Dialoge über Belanglosigkeiten und die lakonische Darstellung von Gewalt aus.


Die Klassiker: 10 Gangsterfilme, die man gesehen haben muss

Der kleine Caesar (1931)

Scarface (1932)

Rächer der Unterwelt (1946)

Asphaltdschungel (1950)

Außer Atem (1959)

Bonnie und Clyde (1967)

Der eiskalte Engel (1967)

Der Pate (1972)

GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990)

Pulp Fiction (1994)

Film-TV - alle Videos und Trailer

Anzeigen