Schildkröten können fliegen

    Aus Film-Lexikon.de

    11354 poster.jpg

    Der 13-jährige Soran, Anführer einer Truppe verstümmelter Waisen die nach intakten Minen suchen, wird Satellit genannt, weil er Antennen und Satellitenschüsseln reparieren kann, was kurz vor dem Ausbruch des Irak-Krieges eine brauchbare Fähigkeit ist.

    Er stellt eines Tages in seinem Dorf, das in der Nähe der türkisch-iranischen Grenze liegt, eine Antenne auf, und er und seine Freunde wissen somit als Erste von Saddams Sturz.

    Er verliebt sich auch in Agrin, die aber kein Interesse zeigt, vor allem weil sie eine schwere Vergangenheit mit ihrem Bruder und ihrem Baby hinter sich hat. Ihr Bruder Hankov hat durch eine Landmine sogar beide Arme verloren ... und kann nun scheinbar die Zukunft voraussagen.

    Plötzlich sitzt das Baby von Agrin inmitten eines Minenfeldes und Soran begibt sich in größte Gefahr um es zu retten ...



    Filmstab

    Regie Bahman Ghobadi
    Drehbuch Bahman Ghobadi
    Kamera Shahram Assadi
    Schnitt Mustafa Kherqepush, Haydeh Safi-Yari
    Musik Hossein Alizadeh
    Produktion Babak Amini, Bahman Ghobadi, Hamid Ghavami, Hamid Karim, Batin Ghobadi für Mij Film

    Darsteller

    Agrin Avaz Latif
    Kak Satellite Soran Ebrahim
    Pashow Saddam Hossein Feysal
    Hengov Hiresh Feysal Rahman
    Digah Abdol Rahman Karim
    Shirkooh Ajil Zibari

    Kritiken

    Paul Ingendaay (FAZ 27. September 2004): Die Kurden, so Bahman Ghobadi, seien ja Hauptdarsteller in ihren eigenen Action-Filmen, aber immer als Opfer. In Schildkröten können fliegen erzählt er von der schwächsten vorstellbaren Gruppe überhaupt, kurdischen Waisenkindern in einem irakischen Dorf nahe der Grenze zu Iran und der Türkei unmittelbar vor den ersten Angriffen amerikanischer Bomber. Die Kinder, viele von ihnen verstümmelt, suchen Landminen, um sie zu verkaufen. Das ist die Gefahr von unten. Und oben am Himmel dröhnt die neueste Kriegstechnologie. Bahman Ghobadis konzentrierter, am Neorealismus geschulter Stil beeindruckte das Publikum ähnlich tief wie "Omagh".

    Rüdiger Suchsland (Frankfurter Rundschau 28. September 2004): Gewonnen hat am Ende Bahman Ghobadis Film Schildkröten können fliegen, ein aufwühlendes Werk über Kinder unmittelbar vor der amerikanischen Irak-Invasion. Emotional dicht und seiner Mittel jederzeit sicher, ist dies ein gelungenes Gegenstück zum auch in San Sebastian spürbaren neuen Hang zu Thesenfilmen, die sich moralisch aufs sichere Ufer stellen, während Innovation und Stilbewusstsein auf der Strecke bleiben. Ghobadis Film wirkt nicht als Erbauungskino, das den Zuschauer einlullt, sondern durch die Poesie im Schrecken.

    Reinhard Kleber (Rhein-Zeitung 6. Mai 2005): Doch die Laiendarsteller sind unsagbar glaubhaft. Gerade weil Bahman Ghobadi vordergründige politische Statements und explizite Gräuelbilder vermeidet, ist seine meisterhafte Filmtragödie ein erschütternder Anti-Kriegsfilm.