Neuer deutscher Film

    Aus Film-Lexikon.de

    Die 1960er Jahre. Wer denkt da nicht sofort an die Studentenbewegung? Doch nicht nur Studenten rebellierten damals gegen die bestehende Ordnung – auch eine Reihe junger deutscher Filmemacher strebte nach Neuerungen.

    "Papas Kino"

    Papas Kino: Heimat- und Schlagerfilme prägten das deutsche Nachkriegskino in den 1950er-Jahren und stillten den Hunger der breiten Bevölkerung nach Unterhaltung und Ablenkung. Auch zahlreiche Edgar-Wallace-Krimis und die Verfilmungen von Karl Mays "Winnetou"-Romanen lockten noch zu Beginn der 60er-Jahre Zuschauermassen in die Kinos. Doch dann folgte auf den Kinoboom die Ernüchterung: Der Fernseher im privaten Wohnzimmer lief dem kollektiven Kinoerlebnis zunehmend den Rang ab, die Zuschauer blieben aus. Außerdem fehlte der Filmbranche das Geld: Staatliche Unterstützung wurde empfindlich gekürzt, die Produktionsfirma Ufa brach 1962 zusammen. Das deutsche Kino geriet in die Krise.

    Oberhausener Manifest: Gleichzeitig wandten sich zahlreiche Jungregisseure vom herkömmlichen Kino ab, das ihrer Meinung nach viel zu kommerziell war. Außerhalb der Bundesrepublik waren in den 1950ern bereits neue Stilrichtungen wie die „Nouvelle Vague“ in Frankreich oder das „Cinema Nôvo“ in Brasilien entstanden – also Bewegungen, die ein „neues Kino“ propagierten und sich gegen Hollywood-Konformität und künstlerische Einengung wandten.

    Aufkleber der Oberhausener Gruppe

    Der Einschnitt in die Geschichte des deutschen Kinos folgte am 28. Februar 1962: Während der „8. Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen“ wurde das sogenannte „Oberhausener Manifest“ verlesen. Darin heißt es:

    „Der Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films entzieht einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich den wirtschaftlichen Boden. Dadurch hat der neue Film die Chance, lebendig zu werden. [...] Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“

    Unterzeichnet wurde das Manifest von 26 Nachwuchsregisseuren, darunter Alexander Kluge, Haro Senft und Edgar Reitz. Sie strebten Filme jenseits von wirtschaftlichen Interessen und Abhängigkeiten, dafür mit künstlerischer Aussagekraft und einer eigenen, „neuen Sprache“ an – sie verabschiedeten sich endgültig von „Papas Kino“: Der Neue deutsche Film war geboren.

    Blüte und Niedergang

    Im Mittelpunkt der neuen Filmbewegung standen gesellschaftliche und politische Kritik. Die Zuschauer sollten nicht länger nur unterhalten, sondern vor allem auch zum Nachdenken angeregt werden. In Filmen wie Volker Schlöndorffs Der junge Törless (1965/66) oder Alexander Kluges Abschied von gestern (1965/66) wurde die jüngste deutsche Geschichte aufgearbeitet; Jagdszenen aus Niederbayern (1968) von Peter Fleischmann war der erste von zahlreichen kritischen Heimatfilmen.

    Szene aus "Zur Sache, Schätzchen"

    Doch es wurden durchaus auch kommerzielle Filme gedreht. Bekanntestes Beispiel hierfür ist May Spils' Kult-Komödie Zur Sache, Schätzchen (1968) mit Uschi Glas und Werner Enke, in der es um den in München-Schwabing sorglos dahinlebenden Aussteiger Martin geht. Der Film, der das Lebensgefühl der jungen Leute treffend widerspiegelte, wurde zum Publikumsmagneten und beeinflusste durch Verwendung von Begriffen wie „Dumpfbacke“ und „fummeln“ die Umgangssprache nachhaltig.

    Der Neue deutsche Film war in erster Linie Autorenfilm. Auch wenn literarische Werke wie Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ oder Theodor Fontanes „Effi Briest“ die Vorlage bildeten, so entwickelten die Regisseure doch eigene Interpretationen.

    Die Filme zeichneten sich aber nicht nur durch ihre sozialkritischen Inhalte aus. Revolutionär waren auch die Gestaltungsweisen der jungen Regisseure. So wurden Rollen oft mit Laiendarstellern besetzt und „Charaktergesichter“ bekamen den Vorzug vor glatten Leinwandschönheiten. Besonders gern wurde die Montage-Technik angewandt – bestes Beispiel dafür ist Abschied von gestern, in dem Alexander Kluge u. a. Trickfilmsequenzen zwischen die Szenen schnitt. Technische Vollkommenheit war den Jungregisseuren eher unwichtig – die künstlerische Aussage bestimmte ihre Werke.

    Staatliche Förderung: Ab Mitte der 1960er gab es für Filmproduktionen auch wieder finanzielle Unterstützung von Seiten des Staates: Das „Kuratorium Junger Deutscher Film e. V“., das 1965 ins Leben gerufen wurde, vergab mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums Kredite an Filmschaffende. Mit Inkrafttreten des seit langem geforderten Filmförderungsgesetzes am 1. Januar 1968 wurde auch der Anstoß zur Gründung der Filmförderungsanstalt (FFA) in West-Berlin gegeben. Im selben Jahr führten junge Regisseure die „1. Hamburger Filmschau“ durch, aus der sich später das „Filmfest Hamburg“ entwickeln sollte. 1971 entstand in München der „Filmverlag der Autoren“, quasi eine Selbsthilfeorganisation für den Verleih und die Produktion von Autorenfilmen.

    Preise über Preise: Der Aufschwung des deutschen Kinos ließ sich an den zahlreichen Preisen ablesen, die Filme wie Abschied von gestern, Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Aguirre, der Zorn Gottes auf nationaler wie internationaler Ebene erhielten. Die Blechtrommel gewann 1980 gar als erster deutscher Film den Oscar in der Kategorie „Bester Ausländischer Film“. Auch Dokumentarfilme wie Eberhard Fechners Zweiteiler Die Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe (1976) feierten Erfolge.

    Trotzdem begann Ende der 1970er Jahre der Niedergang des Neuen deutschen Films. Amerikanische Blockbuster und deutsche Unterhaltungsfilme wurden die neuen Publikumsrenner, an den kritischen Autorenfilmen verloren die Zuschauer zunehmend das Interesse. Auch die „Hamburger Erklärung“ – beim Filmfest Hamburg 1979 von einhundert Filmemachern, darunter Wim Wenders, Werner Herzog und Volker Schlöndorff, unterschrieben – änderte nichts mehr an der Situation. Die Glanzzeit des Neuen deutschen Films war mit Beginn der 1980er Jahre vorbei – doch seine radikalen Innovationen hatten geholfen, die Krise des deutschen Kinos ein für allemal zu überwinden.

    Regisseure und ihre Filme

    Alexander KlugeAbschied von gestern

    Der promovierte Rechtsanwalt Alexander Kluge schuf 1966 mit Abschied von gestern einen Klassiker des Neuen deutschen Films. Er lieferte mit seinem Text „Anita G.“ die Vorlage, führte Regie und produzierte den Film auch selbst. Die Uraufführung erfolgte bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1966.

    Der Film erzählt die Geschichte von Anita G., Tochter jüdischer Eltern, die aus der DDR in den Westen flieht. In der westdeutschen Gesellschaft, die kalt und von materiellen Interessen geprägt ist, kann die junge Frau nicht Fuß fassen. Eine Odyssee durch die Bundesrepublik beginnt, bis sie sich schließlich – schwanger und steckbrieflich gesucht – der Polizei stellt.

    Szene aus „Abschied von gestern“

    In Abschied von gestern nehmen die Forderungen des Oberhausener Manifests deutlich Gestalt an: Als Autorenfilm weist er einen stark künstlerischen Charakter auf und orientiert sich deutlich am Epischen Theater. Montagetechnik und eine kühle, dokumentarische Präsentation der Ereignisse sind maßgebend für den Film; die eigenständig wirkenden Szenen werden regelmäßig von Zwischentiteln und Kluges Kommentaren unterbrochen. Nicht die Anteilnahme des Zuschauers wird bezweckt, vielmehr will Kluge die Zuschauer aufrütteln und ihnen den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft vor Augen führen.

    „Abschied von gestern“ erhielt u. a. den Silbernen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1966 und das Filmband in Gold des Bundesfilmpreises 1967.


    Rainer Werner FassbinderFontane Effi Briest

    Szene aus "Fontane Effi Briest"

    1974 verfilmte Rainer Werner Fassbinder den Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane. Der vollständige, etwas sperrige Titel lautet: „Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen“. Schon dieser Titel deutet darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine Literaturverfilmung im traditionellen Sinne handelt, sondern um eine interpretierende und kritische Adaption.

    Statt dem Zuschauer eine möglichst perfekte Illusion zu bieten, zerstört Fassbinder diese durch zahlreiche ästhetische Mittel und Verfremdungseffekte. Dabei hält er sich durchaus nah an die Vorlage und erzählt, wie die 17-jährige Effi, Tochter ostpreußischer Landadeliger, in ihrer Ehe mit dem wesentlich älteren Baron von Imstetten unglücklich wird und schließlich an den Konventionen der starren preußischen Gesellschaft zerbricht. Eine Erzählerstimme zitiert regelmäßig Stellen aus Fontanes Roman, die wörtlich übernommen sind und zwischen den Szenen auf weißem Hintergrund eingeblendet werden – so wird der Film selbst zur Lektüre und regt den lesenden Zuschauer gleichzeitig zur Deutung des Geschehens an.

    Fontane Effi Briest gewann den Interfilm Award bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin 1974; außerdem wurde er für den Goldenen Bären nominiert.


    Volker SchlöndorffDie verlorene Ehre der Katharina Blum

    Gemeinsam mit Margarethe von Trotta drehte Schlöndorff 1975 die Filmadaption zu Heinrich Bölls 1974 erschienener Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.

    Heinrich Böll

    Sowohl Vorlage als auch Verfilmung untersuchen das Entstehen von Gewalt – in der von Terroristenfurcht aufgeheizten Bundesrepublik der 1970er-Jahre ein brisantes Thema: Auf die unbescholtene junge Haushälterin Katharina Blum fällt der Verdacht, die Komplizin eines gesuchten Terroristen zu sein. Infolgedessen wird sie zum Opfer unbarmherziger Polizeimethoden und einer Rufmordkampagne durch die ZEITUNG. Verunglimpfungen und Anfeindungen ausgesetzt, sieht sie keinen anderen Ausweg, als zur Waffe zu greifen.

    Schlöndorff wählte für seinen Film sowohl einen anderen Einstieg als auch einen anderen Schluss als das Buch, indem er die Handlung chronologisch erzählt. So will er die Sympathie und das Verständnis des Zuschauers für Katharina Blum wecken und ihre quälende Bedrängnis verdeutlichen.

    Der Film wurde zum Kassenhit wie auch zu einem internationalen Erfolg. Er wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und erhielt von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden das Prädikat besonders wertvoll.

    Volker SchlöndorffDie Blechtrommel

    Der erste deutsche Oscar-Preisträger in der Sparte „Bester ausländischer Film“ war Schlöndorffs Literaturverfilmung Die Blechtrommel aus dem Jahr 1979. Die Vorlage lieferte Günter Grass’ gleichnamiger Roman, in dem der kleine Oskar Matzerath zu seinem dritten Geburtstag eine Blechtrommel geschenkt bekommt, mit der er fortan seinen Protest gegen die verlogene Welt der Erwachsenen kundtut.

    Regisseur Schlöndorff verzichtete auf verschiedene Szenen des Romans, insbesondere auch auf das gesamte dritte Buch, um den Erzählfluss des Films nicht durch Sprünge oder Rückblenden unterbrechen zu müssen. Das tat dem Erfolg der "Blechtrommel" jedoch keinen Abbruch. Neben dem Oscar wurde sie auch mit der Goldenen Palme, dem Jupiter und mehreren anderen Preisen ausgezeichnet.


    Wim WendersDer amerikanische Freund

    Der amerikanische Freund

    Die Verfilmung des Romans Der amerikanische Freund von Patricia Highsmith brachte Wim Wenders 1977 den internationalen Durchbruch und ebnete seinen Weg in die amerikanische Filmwelt. Der Film, in dem der todkranke Jonathan auf Betreiben des mysteriösen Amerikaners Tom Ripley zum Auftragsmörder wird, ist in erster Linie ein psychologisches Porträt. Damit entwarf er einen Thriller, der sich sehr von seinen Hollywood-Pendants unterscheidet. Durch seine einfühlsame Figurenzeichnung und die nüchternen, aber zugleich poetischen Bilder wurde er stilbildend.

    Einen besonderen Gag erlaubte sich Wenders mit der Besetzung der Gangsterrollen: In diesen sind vor allem Regisseure, von Samuel Fuller über Peter Lilienthal bis Lou Castel, zu sehen –denn das seien die einzigen Gauner, die er kenne, so Wenders.

    Neben dem Deutschen Filmpreis wurde „Der amerikanische Freund“ für die Goldene Palme von Cannes und den César als „Bester Ausländischer Film“ nominiert.


    Werner HerzogAguirre, der Zorn Gottes

    Unter mehr als ungünstigen Voraussetzungen entstand 1971 Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes. Statt im Studio wurde der gesamte Film, der oft den Anschein einer Dokumentation erweckt, in den peruanischen Bergen gedreht. Unter anderem machten der unwirtliche Dschungel, das viel zu niedrige Budget und die Tobsuchtsanfälle des Hauptdarstellers Klaus Kinski Regisseur und Crew arg zu schaffen.

    Doch allen Widerständen zum Trotz schuf Herzog einen faszinierenden Film – zugleich seine erste, gefeierte Zusammenarbeit mit Kinski. Dieser mimt den größenwahnsinnigen Don Lope de Aguirre auf der Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado. U. a. wurde der Film mit dem Deutschen Filmpreis und dem Étoile de Cristal ausgezeichnet.