Melodram

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    Der Begriff "Melodram" setzt sich aus den griechischen Wörtern "melos" (Lied) und "drama" (Handlung) zusammen und stammt ursprünglich aus der Literatur- und Musikwissenschaft. Dort bezeichnet er die Kombination von Worten und Musik, wobei die Musik durch ihre stark emotionalisierende Wirkung die Worte unterstützen soll.

    Im Laufe der Zeit hat sich diese Definition, gerade in Hinblick auf den Film, verändert: Die Musik nimmt dort formal keine gleichwertige Stellung gegenüber der Handlung mehr ein, aber der Fokus bleibt bei dem Begriff "Melodram" auf der Emotionalisierung. Als melodramatisch gilt nämlich alles, was hemmungslos auf die Erzeugung von Gefühlen abzielt. Damit unterscheidet sich das Melodram noch nicht grundsätzlich von anderen Genres, die ja ebenfalls Emotionen auf Seiten des Zuschauers erwecken wollen. Aber wo der Horrorfilm Schrecken und der Thriller Spannung produzieren will, will das Melodram Reaktionen wie Rührung und Mitleid; kurz gesagt, alles was den Zuschauer zum Weinen bringt, herausfordern. Deshalb werden die Melodramen im englischsprachigen Raum auch als Tearjerker (Tränenzieher) bezeichnet.

    Da die Melodramen wegen ihrer starken stilistischen Fixierung auf Emotionen oft die Grenze zum Kitsch überschreiten, werden sie oft herablassend "Schmachtfetzen" genannt. Allerdings wird bei einer Kritik, die sich rein auf die Form konzentriert, übersehen, dass in den Melodramen elementare menschliche Fragen angesprochen werden - wie in der Tragödie geht es um das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft.

    Typische Motive und Stilmittel

    Motive

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    Das Hauptmotiv, das fast alle Melodramen der Filmgeschichte prägt, ist die unglückliche Liebe. Ein Paar findet zueinander, stößt aber auf den Widerstand der Gesellschaft. Diese Thematik zieht sich durch alle Kulturen und Epochen, die bekannteste Ausprägung ist William Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia". Das Stück wurde bereits mehrfach verfilmt, zuletzt mit Leonardo DiCaprio (Romeo + Julia) als postmodernes Spiel mit melodramatischen Klischees.

    In den Melodramen dieses Typs lernen sich Menschen kennen und lieben, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen stammen oder unterschiedlichen Kulturen oder Rassen angehören. Ihre Verbindung ist engstirnigen Vertretern der einzelnen Schichten ein Dorn im Auge, die Paare sind gezwungen ihre Liebe zu verstecken oder zu verleugnen. Am Ende kann es nur einen tragischen Ausgang geben: entweder die erzwungene Trennung oder, wie bei Romeo und Julia, der Ausweg im Tod. Das Melodram kann also ausdrücklich als eine Kritik an den rigiden Regeln der Gesellschaft gesehen werden.

    Das Muster der Liebe, die Klassenschranken überschreitet, zieht sich durch die Geschichte des Genres, von Was der Himmel erlaubt (1955) über Love Story (1970) bis hin zu Titanic (1997). Melodramen über Paaren mit verschiedenen Rassezugehörigkeiten sind Angst essen Seele auf (1974) von Rainer Werner Fassbinder oder Dem Himmel so fern (2002).

    Ein anderer Hinderungsgrund für ein dauerhaftes Zusammenkommen der unglücklichen Paare des Melodrams ist der Umstand, dass mindestens ein Teil des Paares schon verheiratet ist - und dabei gilt: je glücklicher die Ehe desto schmerzlicher die Liebe. Solche Dreiecks-Konstellationen geben den Konflikt in Klassikern wie Vom Winde verweht (1939), Casablanca (1942) und Doktor Schiwago (1965) ab.

    Stilmittel

    Stilistisch setzen die Melodramen sehr stark auf emotionale Musik, worin sich noch die Nähe zum namensgebenden Musikdrama zeigt. Häufig verwendet werden auch Großaufnahmen von Gesichtern, durch die Emotionen unmittelbar transportiert werden. Douglas Sirk, der Meister des Melodrams schlechthin, versuchte in der Ausstattung der Innenräume die Konflikte zwischen den Figuren bzw. die Unterdrückung der Individuen durch ihre Umgebung spiegeln.


    Typische Figuren

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    Melodramen werden auch als Frauenfilm bezeichnet, da Frauen dem Klischee nach für die herzergreifenden Themen des Melodrams empfänglicher als Männer sind. In Rücksichtnahme auf die angenommene Zielgruppe ist daher in der Regel auch die Hauptfigur weiblich. Allerdings gibt es auch Filme mit männlichen Hauptfiguren, die als klassische Melodramen gelten können, wie zum Beispiel Casablanca (1942).

    Die typische Heldin ist meist eine durchschnittliche, aber anmutige und "unschuldige" Frau, die eine unglückliche Liebe erleidet. Die Frau ist zwar in die bürgerliche Gesellschaft eingebunden, besitzt aber auch Verständnis für die Menschen anderer sozialer Schichten. Im Extremfall verliebt sie sich unglücklich in Männer, die ihrer eigenen Sphäre fernstehen, kann und will aber nicht aus der bürgerlichen Welt ausbrechen.

    Die Rolle des Widerparts nimmt im Melodram deshalb die Gesellschaft als solche ein, die aber in einzelnen Figuren personifiziert wird. Dabei handelt es sich manchmal um randständige Figuren wie die tratschende Nachbarin, oft allerdings um Menschen aus der Familie der Heldin selbst. Neben dem tyrannischen oder auch nur verständnislosen Ehemann nimmt - gerade in älteren Filmen - der Vater der Heldin als gewichtigster Vertreter der patriarchalischen Gesellschaftsordnung die Stellung des Antagonisten ein. Auch die eigenen Kinder stehen häufig nicht auf der Seite der Protagonisten, sie zeigen wenig Verständnis für Bedürfnisse ihrer Mutter, die über die klassische Mutterrolle hinausgehen.


    Subgenres

    Woman's Film

    Das wichtigste Subgenre des Melodrams ist der sogenannte Woman's Film, was schlicht und einfach bedeutet, dass eine Frau als Hauptperson im Mittelpunkt steht. Dies klingt heute selbstverständlich, war im klassischen, von Männern beherrschten Hollywood aber keineswegs an der Tagesordnung: Die Helden der klassischen Abenteuer- oder Horrorfilme waren hauptsächlich Männer.

    Der Frauenfilm, dessen Hochzeit in die wenig emanzipierten 30er bis 50er Jahre fällt, dreht sich dann auch um die Bewährung der Frau in einer Männerwelt. Im Gegensatz zum klassischen, maskulinen Abenteuer- oder Actionfilm, ist die Frau als Heldin aber auf den alltäglichen Bereich beschränkt.

    Die Melodramen erzählen davon, wie es einer Frau gelingen kann, ihre eigenen Wünsche nach privater und beruflicher Selbstständigkeit mit den Bedürfnissen ihrer Familie und den Regeln der Gesellschaft zu vereinbaren. Daran scheitern die Heldinnen meist. Die älteren Frauenfilme kritisieren dabei aber nicht die sozialen Umstände, die der Frau auf dem Weg in die Selbstbestimmung Steine in den Weg legen - die Regeln der Gesellschaft werden eher bestätigt als kritisiert wie noch bei dem melodram-typischen Motiv der unglücklichen Liebe.

    Auch in jüngeren Filmen misslingt das rückhaltlose Streben nach beruflichem Erfolg und Selbstverwirklichung wie in Auf der Suche nach Mr. Goodbar (1978). Hier wird also ebenfalls die bestehende Ordnung bestätigt.

    Andere Filme der Untergattung kritisieren aber auch indirekt die Männerwelt, indem die männlichen Figuren als schwach und unzuverlässig charakterisiert werden. Aber auch hier findet die Frau kein Glück, da sie zu stark für den schwachen Mann ist.

    Historisches Melodram

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    Ein Sonderfall unter den Melodramen ist das historische Melodram, in dem private Schicksale mit Ereignissen von historischer Tragweite verbunden sind. In den letzten Jahren war dieser Typus enorm populär, allerdings nicht im Kino sondern als Mehrteiler im deutschen Fernsehen. Hier wurden in Filmen wie "Dresden" oder "Der Tunnel" Ereignisse aus der deutschen Geschichte, vor allem der NS-Zeit und der DDR, mit Liebesgeschichten kombiniert, die allesamt typische melodramatische Züge aufweisen: Eine Frau zwischen zwei Männern aus unterschiedlichen politischen Lagern oder eine Grenzen überschreitende Liebe.

    Diese TV-Filme besitzen bedeutende historische Vorläufer. So lassen sich etwa drei der bedeutendsten Melodramen der Filmgeschichte diesem Typ zu ordnen. Vom Winde verweht (1939), Casablanca (1942) und Doktor Schiwago (1965). In Vom Winde verweht schlägt sich die unglücklich liebende Heldin Scarlett O'Hara durch die Wirren des Amerikanischen Bürgerkrieges, in Doktor Schiwago steht der Titelheld vor dem Hintergrund der russischen Revolution zwischen zwei Frauen. Und in Casablanca muss sich der Held entscheiden: Persönliches Liebesglück oder Engagement gegen die Nazis.


    Geschichte

    Stummfilme

    In den frühen Stummfilm-Melodramen ist die Heldin typischerweise eine tugendhafte Frau aus der bürgerlichen Schicht, die in eine Dreiecksgeschichte verwickelt ist. Das Dreieck besteht neben der unschuldigen Heldin aus einem gewissenlosen Verführer, der der Frau lüstern nachstellt oder an ihr Erbe will, und einem gutmütigen, edlen Mann. Am Ende wird die Frau von dem guten Mann gerettet, ihre Reinheit bleibt bestehen.

    Der wohl größte Regisseur der Stummfilmzeit David Wark Griffith zeigt mehrfach unschuldige Frauen in einer brutalen Männerwelt. In "Broken Blossoms" (1919) verliebt sich ein junges Mädchen in einen Chinesen und wird deshalb von ihrem Vater tot geschlagen.

    Der aus Deutschland eingewanderte Erich von Stroheim setzt die puritanischen amerikanischen Frauen sinnlichen europäischen Verführern aus. Auch in seinen Filmen geht es darum zu zeigen, dass der Mann noch nicht die gleiche zivilisatorische Stufe wie die Frau eingenommen hat.

    50er

    Die fünfziger Jahre, die Blütezeit des US- Melodrams, sind vor allem geprägt durch den Regisseur Douglas Sirk, der als gebürtiger Deutscher einen distanzierten Blick auf die amerikanischen Verhältnisse besitzt. So sind seine Melodramen, die sämtlich in amerikanischen Kleinstädten spielen, eine Kritik an den gesellschaftlichen Repressionen, mit denen seine Heldinnen sich auseinandersetzen müssen.

    Sirk berühmtestes Werk ist Was der Himmel erlaubt von 1955, einer der Genre-Klassiker überhaupt. In diesem Film verliebt sich eine reiche Vorstadt-Witwe in ihren Gärtner, der auch noch fünfzehn Jahre jünger ist. Der Naturbursche steht für ein wildes, leidenschaftliches Leben außerhalb aller gesellschaftlicher Konventionen. Die Gesellschaft, repräsentiert durch die tratschenden Nachbarinnen, lehnt diese Bekanntschaft natürlich ab, da sie ihre Schicht gegen alles andere abschotten will. Auch die Kinder der Heldin können sie nicht akzeptieren, sie wünschen sich einen Repräsentanten ihrer eigenen Gesellschaftsschicht als Nachfolger für ihren Vater.

    Man kann den Film als kritischen Kommentar auf den amerikanischen Lebensstil der fünfziger Jahre sehen, der geprägt war durch die Angst vor der kommunistischen Bedrohung im Kalten Krieg und sich in einem oberflächlichen Konformismus, unkritischem Konsumverhalten und in einer generellen Ablehnung allem Fremden gegenüber äußerte.

    70er

    In den 70er Jahren hält realistischerer und rauerer Ton Einzug ins Genre, nachdem die Melodramen Douglas Sirks bei aller Gesellschaftskritik doch etwas kitschig waren.

    Ein Beispiel ist John Cassavetes größtenteils improvisierter Film Eine Frau unter Einfluss (1974). Er handelt von einer Frau aus dem Arbeitermilieu, die mit ihrer Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter völlig überfordert ist. Den Erwartungen, die ihr Umfeld und sie selbst an diese Rolle stellen, kann sie nicht gerecht werden, aber auch wenn ihr Mann und die Kinder gerade nicht da sind, kann sie nichts mit sich anfangen. Nach mehreren Aussetzern liefert ihr liebender aber überforderter Mann sie in die Psychiatrie ein.

    In Deutschland eiferte der wichtigste Regisseur des "Neuen Deutschen Films", Rainer Werner Fassbinder, seinem großen Vorbild Douglas Sirk nach. Angst essen Seele auf (1974) erzählt von der Liebesgeschichte einer älteren deutschen Putzfrau mit einem jüngeren marokkanischen Gastarbeiter. In den 50er Jahren wäre die Beziehung zu einem Ausländer im Film noch undarstellbar gewesen. Wie bei Sirk stößt die Beziehung auf Unverständnis und Widerstand in der Gesellschaft und bei der Familie der Heldin.

    Auch in späteren Filmen Fassbinders, mit denen er ein "deutsches Hollywood" schaffen wollte, stehen auffällig oft weibliche Helden im Zentrum und sogar im Titel (Die Sehnsucht der Veronika Voss, Lili Marleen). In Die Ehe der Maria Braun muss sich die Titelheldin alleine durch die Nachkriegszeit schlagen.

    80er bis heute

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    In der Zeit ab den 80er Jahren konnten bislang streng tabuisierte Themen angesprochen werden, deren Behandlung in den Melodramen der 50er Jahre noch undenkbar waren - allen voran die Homosexualität.

    Mein wunderbarer Waschsalon (1985) erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem Sohn pakistanischer Einwanderer in London mit einem britischen Skinhead. Mit ihrer Beziehung überschreiten die beiden also gleich zwei gesellschaftliche Schranken.

    Noch deutlicher wird Homosexualität dann in Brokeback Mountain (2005) thematisiert: Zwei Cowboys aus dem ländlichen Amerika verlieben sich in den 60er Jahren ineinander, müssen ihre Liebe aber über Jahrzehnte verdrängen. Beide gründen eigene Familien und können sich nur heimlich treffen.

    Die 90er Jahre brachten ein wahres Revival von klassischen melodramatischen Stoffen. Prominente Beispiele sind Das Piano von Jane Campion (1993), Die Brücken am Fluß von Clint Eastwood (1994) und natürlich der größte Kassenschlager der Dekade, Titanic (1997).

    Lars von Trier erzählt in gleich zwei Filmen von Frauen, die geistig zurückgeblieben, aber im Herzen unschuldig sind und in der Männerwelt deshalb untergehen müssen: Breaking The Waves (1996) und Dancer In The Dark (2000). In Breaking The Waves "opfert" sich die Heldin buchstäblich für ihren nach einem Unfall ans Krankenbett gefesselten Mann auf: Sie geht mit anderen Männern ins Bett, wie es ihr durch den Unfall impotent gewordener Gatte verlangt. Dadurch wird sie in ihrem streng puritanischen Milieu geächtet und schließlich in den Tod getrieben.

    2002 drehte Todd Hayes mit Dem Himmel so fern ein Remake von Sirks stilbildendem Klassiker Was der Himmel erlaubt (siehe 50er Jahre), geht darin aber um einiges weiter, was die gesellschaftlichen Tabus, die der Liebe im Wege stehen, betrifft: Die Heldin des Remakes, das ebenfalls in den 50ern spielt, ist keine Witwe, sondern noch verheiratet, der Gärtner, in den sie sich verliebt, ist ein Afro-Amerikaner. Und ihr Mann versucht mit Therapien seine homosexuelle Neigung zu verdrängen.


    Die Klassiker: 10 Melodramen, die man gesehen haben muss

    Vom Winde verweht (1939)

    Casablanca (1942)

    Was der Himmel erlaubt (1955)

    Love Story (1970)

    Eine Frau unter Einfluss (1974)

    Angst essen Seele auf (1974)

    Breaking The Waves (1996)

    Titanic (1997)

    Dem Himmel so fern (2002)

    Brokeback Mountain (2005)