Les Misérables: Anmerkungen zum Film als Musical und dem Musical als Film

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    Jede filmische Adaption eines Musicals oder eines Theaterstücks muss sich aufs Neue die Frage gefallen lassen, warum sie aus diesem oder jenem Stück unbedingt einen Film machen musste. Und die Antwort auf die Frage sollte natürlich nicht sein, dass durch die Reproduktion eines bereits erfolgreichen Stücks ohne großes Risiko Kohle gemacht werden kann. Der Rezensent ist jedenfalls schon oft aus filmischen Theateradaptionen mit einem schalen Gefühl gegangen und der Frage: Musste das jetzt sein, da wäre ich lieber gleich ins Theater gegangen?

    Anders gefragt: Welchen ästhetischen Eigen- und Mehrwert kann der Film gegenüber der Bühnenversion einbringen, wie setzt der Film seine ureigenen medialen Spezifika ein, um als eigenständiges Werk gleichwertig neben der Vorlage zu bestehen?

    Les MisérablesTom Hoopers Adaption des gleichnamigen Kultmusicals der 80er Jahre, das wiederum auf Victor Hugos gleichnamigen Roman von 1862 basiert - beantwortet diese Frage gleich eindrucksvoll in der ersten Sequenz: Die Kamera befindet sich zunächst der Meeresoberfläche auf der Wasseroberfläche schwimmt eine zerrissene Trikolore. Dann steigt sie aus dem Wasser und fliegt in ein leggegangenes Schiff, in dem Kettensträflinge in langen Reihen an gewaltigen Seilen ziehen. Die Kamera fährt durch die Reihen, bis sie den Gefangenen Nr. 24601 isoliert, die Hauptfigur Jean Valjean (Hugh Jackman).

    Mit solchen ausgefeilten Kamerabewegungen und -Einstellungen arbeitet Hooper gerade zu Beginn oft, um den Eigenwert des Films gegenüber der Bühne zu betonen: Nachdem Valjean freigelassen wird, illustriert der Film seinen Freiheitsrausch durch weite Landschaftsaufnahmen. Später in Paris bewegt sich die Kamera durch die engen Gassen und Kanäle der Großstadt, ermöglicht aber durch Kamerafahrten in Gods Point of view eine Übersicht der Metropole. Gerne setzt Hooper auch ein weiteres Stilmittel ein, das die Bühne nicht leisten kann, nämlich die Großaufnahme. Das Äquivalent im Musical wäre das an-die-Rampe-treten der jeweiligen Solisten, der Film bringt den Zuschauer aber natürlich noch näher heran, keine im inbrünstigen Singen geschwollene Stirnader bleibt verborgen.

    Ein weiteres Kriterium für den Vergleich zwischen Musical und Musicalfilm kann sein, wie die Gesangsnummern in die Handlung eingebettet sind. Auf der Bühne neigt man eher, die Künstlichkeit der Vorgänge zu akzeptieren, im Film werden traditionell andere Maßstäbe an den Realismus gelegt. Die Geschichte des Musicalfilms kennt verschiedene Möglichkeiten der Ökonomie von Handlung und Gesang. Der Grad reicht von der (mehr oder weniger realistische) Einwebung der Gesangsnummern in den Handlungsverlauf bei Musicals, die selber im Showbiz spielen bis hin zur totalen eskapistischen Illusion, in der die Lieder Selbstzweck sind.

    Les Misérables findet hier eine eigentümliche, aber dennoch effektive Lösung. Einerseits folgt der Film konsequent der Bühnenvorlage. Es gibt grundsätzlich keine Trennung von Handlung und Gesangsnummern, der Gesang ist die Handlung und die Handlung wird gesungen. Andererseits werden ab und zu Dialoge gesprochen, dies geschieht aber selten und gerade diese Seltenheit macht diese Dialoge so auffällig und befremdlich. Die Dialogpartikel fallen auch dadurch aus dem Film heraus, da sie im Gegensatz zu dem untertitelten Gesang synchronisiert sind. Man könnte diese dramaturgisch nicht notwendigen Dialogeinsprengsel als störende Fehlentscheidung des Regisseurs brandmarken, der dem durch zahlreiche Großaufnahmen zelebrierten Gesang offenbar doch nicht traut.

    Man kann sie aber auch als Realitätseffekte sehen, die den doch allzu pathetischen Film ab und zu wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Der Musicalskeptiker in mir dachte an diesen Stellen jedenfalls, was für ein großartiges realistisches historisches Drama man aus dem Stoff von Victor Hugo hätte machen können. Die Dialoge könnten also auch eine andere Funktion haben, nämlich durch den Kontrast mit der Künstlichkeit des Gesangs erst die Kraft der Musik zu beschwören.

    Überhaupt der Gesang: Interessant bei Musicalfilmen mit Starbesetzung ist immer auch zu beobachten, wie sich die Schauspieler als Sänger machen, oft liegt der Reiz gerade im Fremdschämen oder in den charmanten Nicht-Stimmen der Stars setzen gerade auf diesen Faktor. Les Misérables geht hier auf Nummer sicher, es wurden nur Schauspieler mit Musical-Ausbildung – oder Erfahrung gecastet, viele Nebendarsteller wie Samantha Banks oder der kleine Daniel Huttlestone, als umtriebiger revolutionsbewegter Straßenjunge Gavroche die Entdeckung des Films, standen bereits in der Musicalversion auf der Bühne. Hugh Jackman ist als Valjean voll in seinem Element, der Schauspieler ist ja schon länger auch am Broadway in Musicals aktiv und überzeugte als Moderator mit Gesangseinlagen. Jackman, überzeugt hier in der Rolle seines Lebens, wie er sie auch selbst nennt. Auch Russell Crowe, der Valjeans lebenslangen Widersacher, den pflichtbesessenen Inspektor Javert spielt, war vor seiner Filmkarriere in Musicals zu sehen.

    Anne Hathaway, die für ihren furiosen Kurzauftritt als die durch widrige Umstände zur Prostitution gezwungene Fantine wohl den Nebenrollen Oscar erhalten wird, studierte neben Schauspiel auch Musiktheater. Über die gesanglichen Qualitäten der Schauspieler kann und soll hier nicht geurteilt werden, schauspielerisch überzeugen die Hauptrollen durch die Bank. Während Crowe selbst beim Singen durch erdiges Understatement überzeugt, liefern Jackman und Hathaway prächtiges Overacting, das sicher nicht jedermanns Sache ist, bei Musicalfilmen greifen konventionelle Bewertungskriterien aber sowieso nicht.

    Insgesamt ist Les Misérables manipulatives Überwältigungskino par Excellance, dem man sich auch Verächter des Genres nicht so leicht entziehen kann. Wenn man sich auf das Pathos einlässt und auch den Kitsch-Detektor nicht so scharf einstellt wie in „normalen“ Filmen, kann man sich mitreißen lassen, man kann aber auch bewundern, wie intelligent und effektvoll der Film die Qualitäten des Mediums einsetzt, um als eigenständiges Werk neben dem Musical zu existieren.

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