Kriminalfilm

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    Der Kriminalfilm mit seinen bedeutendsten Subgenres, dem Detektivfilm und dem Polizeifilm, ist das wohl beliebteste Filmgenre - nicht nur im Kino, sondern vor allem auch in den unzähligen Fernsehfilmen- und Serien. Von verwandten Genres wie dem Gangsterfilm und dem Thriller, bei denen ebenfalls Verbrechen im Mittelpunkt der Handlung stehen, unterscheidet sich der Kriminalfilm dadurch, dass es um die Aufklärung des Verbrechens aus der Sicht der "Guten" geht.

    Die Funktion des Kriminalfilms wird zumeist in der medialen Bestätigung der Ordnung gesehen: Die gesellschaftliche Ordnung wird durch das Verbrechen in Frage gestellt, durch die Entdeckung und Bestrafung des Täters wird sie wieder hergestellt. Der Kriminalfilm demonstriert, dass es sich nicht lohnt, vom Gesetz abzuweichen.

    Da es sich bei den in Krimis behandelten Straftaten aber nur um Einzelfälle handelt, bleiben die gesellschaftlichen Missstände, welche die Verbrechen hervorgebracht oder begünstigt haben, dennoch bestehen. Vor allem die Polizeifilme ab den 60er Jahren reflektieren diese Hilflosigkeit der Gesetzesvertreter.

    Typische Motive

    Traditionell beginnen die Krimis mit einem rätselhaften, vor Beginn der Handlung begangenen Verbrechen – meist muss es schon ein Mord sein -, das ein Polizist oder ein Detektiv als Identifikationsfigur des Zuschauers aufklären muss, indem er die drei zentralen Fragen "Wer - Wie – Warum“ löst. Die wichtigste Frage scheint die nach dem "Wer“ zu sein, jedenfalls werden diese Filme umgangssprachlich auch "Whodunits“ (zusammengezogen aus "Who has done it?") genannt.

    Durch das am Anfang gestellte Rätsel gerät das Publikum, das meistens nur genauso viel weiß wie der Detektiv, in einen Spannungszustand, der durch eine möglichst verblüffende, aber dennoch logische Erklärung der Geheimnisse und eine Bestrafung des Verbrechers gelöst werden muss. Die Autoren und Regisseure von Krimis haben es sich zum Sport gemacht, den Zuschauer möglichst oft auf falsche Fährten zu führen, fast alle Personen können als Täter in Frage kommen (das sogenannte "Red Harring“- Prinzip).

    Anders als im Gangsterfilm spielen die Krimis selten im Kriminellenmilieu selbst, sondern in allen Schichten der Gesellschaft. Die Verfilmungen der klassischen Kriminalliteratur wie "Sherlock Holmes“ oder die Romane von Agatha Christie zeigen meist einen Ausschnitt aus der Gesellschaft, einen auch räumlich klar abgegrenzten bürgerlichen Rückzugsraum (Landhaus, Hotel), in dem der Ermittler aus einer klar definierten Zahl von Verdächtigen den oder die Täter entlarven kann. In späteren Detektivfilmen wie Die Spur des Falken (1941) und Tote schlafen fest (1946) ist die Lage schon viel unübersichtlicher. Im Großstadtdschungel, der für diese Filme die Kulisse abgibt, kann jeder ein Verbrecher sein. In den amerikanischen Polizeifilmen seit den 60er Jahren verstärkt sich diese Tendenz noch, sogar Gesetzeshüter können dann als Täter in Frage kommen.


    Typische Figuren

    Im Mittelpunkt eines jeden Krimis steht der Ermittler, der stellvertretend für die Gesellschaft und das Publikum das Verbrechen aufdeckt und den Verbrecher seiner verdienten Strafe zuführt.

    Die klassischen Detektive wie Holmes oder Hercule Poirot sind allesamt exzentrische Einzelgänger, oft auch mit körperlichen Handicaps, die ihre überragenden geistigen Fähigkeiten umso deutlicher hervortreten lassen, und dank derer sie die Fälle beinahe vom heimischen Sofa aus lösen könnten (sog. "Armchair-Detectives"). Später wurde dieser europäische Typus von amerikanischen Profi-Privatdetektiven ( der sog. "Private Eye") wie Philip Marlowe aus Tote schlafen fest (1946) abgelöst, die nun als desillusionierte und abgebrühte Großstadtcowboys die Fälle lösten.

    In den 70er Jahren verdrängen vermehrt Polizisten die Privatdetektive aus dem Kino. Dabei handelt es sich meist um Einzelgänger, die oft die Grenzen des in ihrem Beruf Erlaubten treten und nicht minder zynisch wie die "Private Eyes" sind.

    In letzter Zeit ist vermehrt das Interesse für das Privatleben der Ermittler in den Fokus geraten, vor allem in Fernsehreihen wie "Tatort". Privatdetektive wie Sherlock Holmes hingegen besaßen überhaupt keine Freizeit neben der Detektivarbeit, immerhin war Mord ja auch ihr Hobby.

    In Einzelfällen ermitteln auch Vertreter anderer Berufsgruppen, wie Journalisten in Zodiac - Die Spur des Killers (2007) oder Ärzte in Extrem ... mit allen Mitteln (1996) in einem Kriminalfall.


    Subgenres

    Gerichtsfilm

    Ein Spezialfall des Kriminalfilms ist das sogenannte "Courtroom Drama", in dem die Ermittlung ausschließlich vor Gericht stattfindet, ein zurückliegender Fall also rein in Dialogen aufgerollt wird. Typischerweise steht ein zu Unrecht Angeklagter mit erdrückendem Beweismaterial vor Gericht, der Anwalt sucht bis zur letzten Minute nach neuen Hinweisen oder Entlastungszeugen, die die Unschuld seines Mandanten beweisen können.

    Im amerikanischen Gerichtssystem ist mit der Macht der Geschworenen eine besonders theatralische Komponente bereits angelegt, die in den Gerichtsfilmen häufig zum Zuge kommt - zum Beispiel im dramatischen Schlussplädoyer eines Rechtsanwalts, das die Geschworenenjury noch einmal herumreißt.

    Einer der ersten Filme des Subgenres, Die zwölf Geschworenen (1957), spielt ausschließlich im Geschworenenzimmer. Der Film zeigt die Geschworenen als Querschnitt der Gesellschaft, die allesamt ihre Vorurteile in die Justiz einbringen. Ein bedeutender Klassiker ist daneben auch Zeugin der Anklage (1957). In den 90er Jahren erhielten die Verfilmungen des Bestseller-Autoren und Ex-Juristen John Grisham - wie Die Akte (1984) oder Die Firma (1993) - große Aufmerksamkeit.

    Serienkillerfilme

    Eine späte Entwicklung des Kriminalfilms ist der Serienkillerfilm. Anstatt durch die Beobachtung von Fakten und die Sammlung von Daten wie noch bei Sherlock Holmes kann der Ermittler hier nur zum Erfolg kommen, indem er sich in das kranke Gehirn eines psychopathischen Killers einfühlen kann - wie in Das Schweigen der Lämmer (1991) - und ein Muster hinter den einzelnen Morden erkennt - wie in Sieben (1995), in dem der Killer die sieben Todsünden "bestraft“. Oft spielt der Serienmörder ein Spiel mit den Ermittlern, indem er bewusst Hinweise auf seine Identität legt. Das Motiv spielt hier keine Rolle mehr, gerade die scheinbare Unmotiviertheit der Morde sorgt für das Entsetzen des Zuschauers.


    Geschichte

    Frühe Detektivfilme

    Sherlock Holmes, der berühmteste Detektiv der Literaturgeschichte, war folgerichtig auch die erste Ermittlerfigur, die für das Kino adaptiert wurde. Dem ersten Film von 1903 folgten über 150 filmische Adaptionen, zuletzt das zeitgemäße Update Sherlock Holmes (2010) von Guy Ritchie, keine andere literarische Figur wurde so oft verfilmt. Die bedeutendste amerikanische Holmes-Adaption in der Tonfilmzeit war Der Hund von Baskerville von 1939, der mit dem Einsatz von Schatten und Nebel britische Atmosphäre erzeugt und sich so dem Horrorfilm annähert.

    Detektivfilme des Film Noir

    Langsam wurde in einer Reihe von B-Filmen der klassische Armchair-Detective von einem härteren Ermittlertypus abgelöst. Das Werk, das endgültig eine neue Art von Detektiv etablierte, war Die Spur des Falken mit Humphrey Bogart von 1941. Der Film gilt als Prototyp des Film Noir, ein epochemachender Stil, der auch auf verwandte Genres wie Gangsterfilm oder Thriller angewendet wurde.

    Der Film Noir ist nicht nur durch ein Set von Stilmitteln - wie etwa harte Schwarz-Weiß-Kontraste oder extreme Kamerawinkel - gekennzeichnet, sondern vor allem durch eine radikal pessimistische Sicht auf das Leben. Die Filme der während des 2. Weltkrieges entstandenen "Schwarzen Serie“ entwerfen undurchsichtige Welten, zutiefst verdorbene Menschen und ein Bewusstsein von der Vergeblichkeit allen Tuns. In Die Spur des Falken (1941) oder auch in Tote schlafen fest (1946) äußert sich das in einer Inszenierung, die eher an einer Erzeugung einer permanenten Bedrohung, Täuschung und Verrat interessiert ist als an der Aufdeckung von Fakten. Viele Fragen bleiben am Ende offen. Zudem wird durch die zynischen und an ihrem eigenen Vorteil interessierten Detektive die Grenze zwischen Gut und Böse unscharf.

    Auch nach den 40er Jahren wurde in so genannten "Neu-Noirs" das pessimistische Weltbild der Schwarzen Serie weitergeführt. Am bekanntesten ist sicherlich Chinatown (1974) von Roman Polanski, der zwar im gleißenden Sonnenlicht spielt, inhaltlich aber dennoch das Bild einer düsteren Welt entwirft. Später folgten unter anderem L. A. Confidential (1997) oder Memento (2000), in dem der ermittelnde Protagonist nicht einmal seiner eigenen Erinnerung trauen kann.

    Polizeifilme ab den späten 60er Jahren

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    Bereits Ende der 40er Jahre entstand eine erste Welle von Polizeifilmen, die möglicherweise durch ein gesteigertes Bedürfnis nach Ordnung als Reaktion auf die Undurchschaubarkeit des Film Noirs ausgelöst wurde. Der Alltag der Polizei sollte quasi-dokumentarisch gezeigt werden.

    Ab 1967 folgte dann eine ganze Reihe von Polizeifilmen, die als Reaktion auf eine gestiegene Großstadtkriminalität interpretiert wurden. Am Anfang standen Nur noch 72 Stunden (1968) und Coogans großer Bluff (1968). Wichtige Vertreter sind auch Bullitt (1968), Dirty Harry (1971) oder French Connection (1971). Im Mittelpunkt stehen einzelne Cops, die die Nachfolge der hartgesottenen Privat Eyes antraten. Die Protagonisten sind meist gezwungen, auf eigene Faust durchzugreifen - die Politiker im Hintergrund sind entweder hilflos oder korrupt. Dabei überschreiten die Polizisten mehrfach die Grenze des legalen Polizeidienstes: Dirty Harry Callahan etwa foltert einen Serienkiller, um das Versteck des letzten Opfers herauszupressen. Der Mörder muss wegen der Folterung freigelassen werden, Callahan wird gemaßregelt. Der Polizist arbeitet schließlich im Verborgenen verbissen weiter an dem Fall, er erschießt den Täter und wirft in der letzten Szene seine Dienstmarke weg. Die auch in anderen Filmen dieser Zeit dargestellte Selbstjustiz rief Kritiker auf den Plan, die Dirty Harry faschistische Tendenzen vorwarfen.

    Bis heute hat sich die Tendenz zur Verwischung der Grenze zwischen Gut und Böse verstärkt. Ein Paradebeispiel dafür ist Heat (1995), der eine exakte Mischung aus Kriminal- und Gangsterfilm darstellt. Der Polizist und der Gangster, die sich ständig umkreisen und nur einmal aufeinandertreffen, sind gleichberechtigte Hauptpersonen. Dabei wird die Ähnlichkeit der beiden Charaktere deutlich hervorgehoben, Polizist und Gangster sind beide getriebene und einsame Anti-Helden.

    In den 80er Jahren entstand eine Neigung des Kriminalfilms hin zum Klamauk. Filme wie Nur 48 Stunden (1982) und Reihen wie Lethal Weapon (1986-1998) oder Beverly Hills Cop (1984-1994) speisten ihre Komik aus einem gegensätzlichen Polizisten-Duo, die Spannung der Ermittlung blieb aber erhalten.


    Die Klassiker: 10 Kriminalfilme, die man gesehen haben muss

    Der Hund von Baskerville (1939)

    Die Spur des Falken (1941)

    Tote schlafen fest (1946)

    Die zwölf Geschworenen (1957)

    Zeugin der Anklage (1957)

    Bullitt (1968)

    French Connection - Brennpunkt Brooklyn (1971)

    Das Schweigen der Lämmer (1991)

    Heat (1995)

    Memento (2000)