Jesus, du weißt!

    Aus Film-Lexikon.de

    Ein Film als Beichtstuhl. Menschen gehen in die Kirche, Menschen sitzen alleine in der Kirchenbank, Menschen beten zu Jesus, der ihnen alles ist: Vater und Freund, Heiland und Retter, Wegweiser und Klagemauer, Redender, Schweigender, Liebender. Da ist etwa ein Student, der gegen den Willen seiner Eltern täglich die Messe besucht, seine ganze Freizeit in der Pfarre verbringt und der Jesus einfach alles erzählt und alles bereut: erotische Phantasien wie Heldenträume.

    Da ist eine Mutter von zwei Kindern, die genauso viel Zeit in der Kirche verbringt wie zu Hause, wo sie seit Jahren ihren gelähmten Mann pflegt. Innigst bittet sie Jesus, dass er ihren Mann, einen Moslem, heilen möge. Der wiederum sieht in seiner Krankheit die Gottesstrafe dafür, dass er eine Christin geheiratet hat. Oder die pensionierte Chemielehrerin, die von ihrem Lebensgefährten mit einer anderen Frau betrogen wird. Sie sinnt im Gebet nach Rache.

    Aber ist Rache nicht Sünde? Wie viele andere kommt sie in die Kirche und klagt, kollaboriert, sinniert, bekennt, grübelt und bittet Jesus, er möge ihr verzeihen. Jede der sechs Geschichten öffnet einen Raum, eine Intimität, eine Aussicht auf das, was man Gott nennen könnte.



    Filmstab

    Regie Ulrich Seidl
    Drehbuch Ulrich Seidl, Veronika Franz
    Kamera Wolfgang Thaler, Jerzy Palacz
    Produktion Martin Kraml

    Darsteller

    Elfriede Ahmad
    Waltraute Bartel
    Hans-Jürgen Eder
    Thomas Grandegger
    Thomas Ullram
    Angelika Weber
    Tanja Müller
    Elisabeth Sucham

    Kritiken

    film-dienst 17/2005: Der durch die Inbrunst seiner Protagonisten ebenso erschreckende wie mitunter auch erheiternde Dokumentarfilm nähert sich dem Katholizismus von einer Seite, die nicht frei von Bigotterie ist. Der Regisseur nutzt Blickwinkel und -perspektiven, um die Haltung der Kirchgänger sowie ihre Lebens- und Glaubenseinstellungen erfahrbar zu machen. Dabei dringt er in einen Grenzbereich vor, der Staunen und Fragen auslöst, ohne mit vorgefertigten Antworten aufzuwarten.

    Der Spiegel 34/2005: In seiner fesselnden und bewegenden Dokumentation beobachtet der österreichische Regisseur Ulrich Seidl ("Hundstage") Menschen in ihren intimsten Momenten. (...) Die Bekenntnisse nehmen den Zuschauer berührend mit ins Gebet.