Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin

    Aus Film-Lexikon.de

    10861 poster.jpg

    Traudl Junge war von 1943 bis zum Zusammenbruch der Naziherrschaft eine der Privatsekretärinnen von Adolf Hitler. Sie arbeitete für ihn im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze, im Berghof am Obersalzberg, im Sonderzug und in Berlin. 1944 wurde sie Zeugin des missglückten Stauffenberg-Attentats, die letzten Kriegstage und den Selbstmord Hitlers erlebte sie im Führerbunker der eingekesselten Hauptstadt. Traudl Junge war es auch, der Hitler sein "Testament" diktierte.

    Im Film äußert sich Traudl Junge erstmals öffentlich über ihr Leben, ihre Erinnerungen, Verstörungen und Selbstreflexionen. Sie spricht über ihre Kindheit in München, die Zufälle und Lebensumstände, die sie zunächst in die Berliner "Kanzlei des Führers", später als Privatsekretärin in die Wolfsschanze führten, der täglichen Routine im inneren Kreis von Hitlers Umgebung, von Tagesabläufen, deren freundliche Banalität in absurdem Widerspruch zur Vernichtungspolitik des NS-Regimes stand.

    Wenn Traudl Junge von den letzten Tage vor Hitlers Selbstmord im Führerbunker erzählt – ein 25-minütiger Monolog ohne jeden Filmschnitt – entsteht das in seiner Eindrücklichkeit und Präsenz fast beängstigende Bild der Leere im Zentrum einer menschenverachtenden Macht, die angesichts ihrer Niederlage in sich zusammenfällt.

    Nach dem Krieg zur wütenden Gegnerin des Nationalsozialismus geworden, konnte sich Traudl Junge ihre damalige Naivität und Ignoranz, ihr Versagen nicht verzeihen. Die Frage nach der eigenen Verantwortung bleibt nicht akademisch, sondern wird in der schonungslosen, ernsten Erzählung, in der Mimik und Gestik der Protagonistin, in den Nebensächlichkeiten, in denen sich unvermittelt die Hauptsache zeigt, erlebbar und lebendig.



    Filmstab

    Regie André Heller, Othmar Schmiderer
    Kamera Othmar Schmiderer
    Schnitt Daniel Pöhacker
    Produktion Danny Krausz, Kurt Stocker

    Darsteller

    Traudl Junge Traudl Junge

    Kritiken

    FAZ: Ein höchst bemerkenswertes Dokument über die Banalität der Freundlichkeit im Zentrum des Grauens (...) Zu sehen ist einzig und allein Traudl Junge, mal in einem Pullover von leuchtendem Orange, mal in einem ganz weißen und mal in einem schwarzen. Eine schöne alte Dame, die vollkommen klar formuliert, völlig unsentimental erzählt und die Dinge sehr prägnant auf den Punkt bringt. (...) Man darf sich davon keine bisher unbekannten, gar sensationellen Informationen erwarten. Man wird aber auch keinen einzigen Satz der Rechtfertigung finden.

    Süddeutsche Zeitung: Eineinhalb Stunden des Selbstzeugnisses einer hellwach Zerknirschten, gelegentlich aufschlußreich konfrontiert mit der Reaktion der Erzählerin selbst auf ihre eigenen Worte. Kaum sonst hat diese Gespensterwelt solche Greifbarkeit bekommen wie in den atemberaubenden Schilderungen der Traudl Junge. Ein Selbstzeugnis von unvergleichlicher Eindringlichkeit, wie sie die ansonsten überhand nehmenden Unheilsoperetten im pathetischen Tremolo ersäufen. Und von erstaunlicher Härte.

    Oranienburger Generalanzeiger: Nichts lenkt von dem ab, was Traudl Junge zu erzählen hat. Die längste Sequenz dauert rund 25 Minuten. Die Kamera rückt in diesem Abschnitt immer näher an die Erzählerin – wie ein Zuschauer, der gebannt lauscht. Und genau so fühlt sich der Zuschauer im Kinosaal.


    Wertungen

    0 Sterne
    0 Bewertungen
    Jahr/Land 2002 / Österreich
    Genre Dokumentarfilm
    Film-Verleih Piffl Medien GmbH
    FSK ab 12 Jahre
    Laufzeit 90 Minuten
    Kinostart 02. Mai 2002