Horrorfilm

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    Das Wort “Horror“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Entsetzen oder Schrecken. Horrorfilme sind also alle Filme, die bei dem Zuschauer bewusst Angst und Schrecken hervorrufen. Anders etwa als in Kriminalfilmen und Thrillern, in denen gezielt Spannung und Ungewissheit erzeugt wird, wollen Horrorfilme beim Betrachter das reine, nackte Grauen wecken, etwa wenn in Die Nacht der lebenden Toten (1968) plötzlich Leichen mit gewaltigem Appetit auf Menschenfleisch aus ihren Gräber wanken, oder wenn in The Texas Chainsaw Massacre (1974) ein Psychopath mit einer Maske aus Menschenhaut unschuldige Teenager mit einer Kettensäge jagt.

    Warum aber tut sich der Zuschauer so etwas freiwillig an? Warum bezahlt er für eine Kinokarte, um sich in Angst und Schrecken versetzen zu lassen? Den gängigen Theorien nach äußern sich in Horrorfilmen menschliche Ur- und Kindheitsängste wie die Furcht vor dem Unbekannten, aber auch zeittypische Ängste wie vor der Bedrohung durch neue gesellschaftliche und technische Entwicklungen. Die elementaren Fragestellungen nach Gut und Böse oder Leben und Tod, von denen die Menschheit schon immer umgetrieben wurde, werden im Horrorfilm offener als in anderen Filmgattungen durchgespielt.

    Der Horrorfilm gilt außerdem im Gegensatz zu anderen Genres wegen seiner angeblich besonders trivialen Form als direkter Kanal zum Unterbewusstsein, weshalb sich in ihm verdrängte Triebe besonders unmittelbar ausdrücken, die dann als tierhafte Triebhaftigkeit wahrgenommen werden und sich in Figuren wie dem Wolfsmensch (1940) äußern. Dadurch, dass die inneren Ängste und Triebe auf der Leinwand in der Form eines Monsters, verkörpert werden, können sie besser kontrolliert und bekämpft werden. Und anders als im wirklichen Leben kann sich jeder im sicheren Raum des Kinos oder des eigenen Wohnzimmers seinen Ängsten stellen und sich mit der eigenen dunklen Seite konfrontieren. Er kann sich mit dem von dem Monster oder psychopatischen Killer bedrohten Protagonisten identifizieren und mit diesem einen Sieg über das auf der Leinwand verkörperte Böse feiern.

    Typische Motive und Stilmittel

    Motive

    Charakteristisch für Horrorfilme ist, dass in eine vorgeblich heile Welt von außen etwas eindringt, das etwas außerordentlich Fremdes und deshalb Bedrohliches darstellt. Beispiele sind etwa der rumänische Blutsauger Dracula im viktorianischen England oder die Geister in der amerikanischen Vorstadt in der Poltergeist-Reihe (1982-1987). Diese Monster stellen unser rationales Weltbild radikal in Frage. Dieses Motiv unterscheidet den Horrorfilm vom Fantasyfilm, in dem Menschen wie selbstverständlich neben Wesen wie Zwergen, Zauberern oder sprechenden Tieren mehr oder wenig friedlich leben. In Horrorfilmen stellen diese Kreaturen aber immer eine Bedrohung für Leib und Leben dar. Die Monster der klassischen Hollywoodfilme - wie Dracula, King Kong oder die Katzenmenschen - kommen meist aus fremden und exotischen Ländern. Dieses Fremde ist anziehend, aber auch oder gerade deshalb bedrohlich. Auch in neueren Werken lebt diese Tradition in den Namen der Schurken wie Freddy Krüger aus der Nightmare- Reihe (1984-1994) oder Jason Vorhees aus Freitag, der 13. (ab 1980) weiter.

    Stilmittel

    In allen Epochen oder Untergattungen des Genres arbeitet der Horrorfilm mit einem festen Set an Stilmitteln. Typisch sind Nah- und Halbnaheinstellungen, die an dem Blickwinkel des Protagonisten ausgerichtet sind, extreme Varianten davon sind Detailaufnehmen von aufgerissenen Augen oder schreienden Mündern der Opfer, während das Bedrohliche selbst nicht zu sehen ist. Totaleinstellungen, die dem Zuschauer eine sichere Orientierung über das gesamte Geschehen ermöglichen würden, werden hingegen selten eingesetzt. In den klassischen Filmen wie Frankenstein (1931), oder Dracula (1931) wird zudem ausgiebig mit dem Spiel von Licht und Schatten gearbeitet. Die Musik und die Toneffekte besitzen beim Horrorfilm eine größere Bedeutung als in anderen Genres. Schon zu Beginn wird die durch die Bilder erzeugte heile Welt oft von einer gruseligen musikalischen Untermalung überschattet, die vom Zuschauer sofort als Soundtrack eines Horrorfilms identifiziert werden kann. Auch Soundeffekte wie das Geräusch von heulenden Wölfen oder knarrenden Türen weisen auf ein Grauen jenseits des Bildes.


    Typische Figuren

    Die Monster

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    Als Monster gelten alle "Halbwesen", also alle Kreaturen, die Grenzen überschreiten. Beispiele sind die Grenzgänger zwischen Leben und Tod (Zombies, Vampire, Gespenster), Mensch und Tier (Werwölfe, Die Fliege) oder Mensch und Maschine (Frankenstein, Der Golem).

    Erschreckend können auch Wesen wirken, die eigentlich eine ausgesprochen positive und harmlose Ausstrahlung besitzen, aber in ihr Gegenteil gewendet werden, wie der monströse Clown in der Stephan King Verfilmung Es(1990) oder die von dem Geist eines Killers besessene Puppe in Chucky - Die Mörderpuppe (1988).

    Die Schurken des Horrorfilms müssen aber nicht notwendig übernatürlicher Gestalt sein, es gibt auch etliche Filme die durch „gewöhnliche“ Menschen Schrecken erzeugen. Diese Menschen müssen jedoch alles andere als durchschnittlich sein, sondern extreme Ausprägungen des menschlichen Potentials zum Bösen darstellen, wie die mörderischen Psychopathen in Psycho (1960), Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) oder Scream - Schrei! (1996).

    Die Helden

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    Die wichtigste Heldenfigur im Horror-Genre ist meist eine junge, vernünftige und anständige Frau als Identifikationsfigur für den Zuschauer, die meist als einzige die Attacken des Monsters oder Psychokillers überlebt (das sogenannte "Final Girl"). Dieses Rollenfach hat unter der eigens kreierten Bezeichnung "Scream Queen" einige Berühmtheit erlangt, da die Haupttätigkeit vor allem im Kreischen besteht. Prominente Vertreterinnen sind Fay Wray aus King Kong und die weiße Frau (1933), oder Jamie Lee Curtis in Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) oder The Fog – Nebel des Grauens (1980).

    Typische Opfer des Monsters sind hingegen, vor allem in neueren Filmen, naive und oberflächliche Teenager, die für das verbotene Ausleben ihrer Sexualität bestraft werden (z.B. Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) oder Nightmare - Mörderische Träume).


    Subgenres

    Vampirfilme

    Der Mythos des Vampirs, das heißt eines Untoten, der anderen Lebewesen das Blut aussaugt, ist seit Jahrtausenden in nahezu allen Kulturen nachweisbar. In die Hochliteratur ging er endgültig mit der Gestalt des Grafen Dracula in Bram Stokers Roman "Dracula“ (1897) ein, auf den die meisten wichtigen der mittlerweile über 400 Vampirfilme zurückgehen.

    Die erste bedeutende Verfilmung war 1922 Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens von Friedrich Wilhelm Murnau. Der Vampir erscheint hier nicht wie im Roman als europäischer Lebemann, sondern als gespenstische Gestalt, die mit der Pest den Tod in die Welt bringt. Auch unterscheidet er sich von der Vorlage durch das Fehlen von Draculas Gegenspieler Van Helsing, wodurch das Böse ungehindert seine Macht ausbreiten kann.

    In Bela Lugosis Verkörperung des Grafen in Dracula (1931), zeigen sich am deutlichsten die sexuellen Hintergründe, die dem Mythos zugrunde liegen. Dracula verkörpert hier im viktorianischen England den exotischen Liebhaber, der für die Frauen anziehend und deshalb für die Männer bedrohlich ist. Die hier noch unterschwellige Sexualität tritt in den Vampirfilmen der legendären englischen Hammer-Studios ab Ende der 50er Jahre deutlicher zu Tage. Christopher Lee spielt dort Dracula als aggressiven Triebtäter.

    In den 80er Jahren wurde das Vampir-Dasein zum attraktiven Lifestyle mit hohem Coolnessfaktor stilisiert, so in Near Dark - Die Nacht hat ihren Preis oder The Lost Boys (beide 1987). Ab 2008 wurde das Genre mit den Verfilmungen der Twilight -Buchreihe der mormonischen Autorin Stephanie Meyers entsexualisiert und generell verharmlost und konnte so zu einem romantischen Schulmädchentraum werden.

    Zombiefilme

    Mit dem Vampirmythos haben die Geschichten über aus den Gräbern wiedererweckte Tote die Überschreitung der Grenze zwischen Leben und Tod gemeinsam. Aber anders als Dracula und Co. geht von den Zombies keine Faszination sondern nur reines Grauen aus. Die Zombies sind nur noch leere Hüllen, die lediglich von der Lust auf Menschenfleisch getrieben sind.

    Der erste Film dieser Untergattung ist White Zombie von 1932, der auf Haiti, dem Heimatort des Voodoo-Kultes und des damit verbundenen Zombiemythos, spielt. Auch die Handlung eines der berühmtesten Filme des Subgenres, Ich folgte einem Zombie (1943), findet auf einer exotischen Insel statt.

    Anders hingegen das bahnbrechende Werk Die Nacht der lebenden Toten (1968) von George A. Romero, der mitten im amerikanischen Hinterland spielt. In diesem zutiefst pessimistischen Film, der als Kommentar auf den Vietnamkrieg interpretiert wird, überlebt nur eine Figur die Angriffe der Untoten, wird dann aber von einer Bürgerwehr, die den Held für einen Zombie hält, getötet. Romero variierte das Zombiemotiv in verschiedenen Filmen, der bekannteste ist sicherlich Zombie - Dawn of the Dead, bei dem er die Untoten durch ein Einkaufszentrum torkeln lässt, und damit das seelenlose Konsumverhalten der modernen Welt parodiert.

    Creature horror

    In dem auch als "Tierhorror" bezeichneten Subgenre geht die Bedrohung nicht von erfundenen Monstern oder dem Mensch selbst aus, sondern von Tieren. Oft handelt es sich dabei um durch Strahlung mutierte Tiere wie in Godzilla (1954) oder Tarantula (1955). In diesen Filmen drückt sich deutlich die Angst vor der atomaren Bedrohung in Zeiten des Kalten Krieges sowie die vor der Zerstörung der Natur durch die Technik aus. Die Natur schlägt also zurück, um den Menschen für seine Anmaßung zu bestrafen. Es existieren mit Die Vögel (1963) und Der weiße Hai (1975) aber auch berühmte Filme, in denen der Schrecken gerade darin besteht, dass die Tiere grundlos angreifen.

    Slasherfilme

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    In den Slasherfilmen (von eng. to slash: schlitzen) geht die Bedrohung nicht von Monstern oder Tieren aus, sondern ungefiltert von der menschlichen Brutalität selbst. Aber anders als in Gangsterfilmen entspringt die Gewalt nicht der Gier nach Geld oder anderen persönlichen Motiven, sondern der reinen sadistischen Lust an der Gewalt selbst.

    Das Schema des typischen Slasherfilms ist immer gleich: Eine Gruppe von Menschen, meist handelt es sich dabei um Teenager, wird von einem irren Killer dezimiert. Meist überlebt dabei nur ein Mädchen, das sogenannte "Final Girl", der Rest wird für seine offen ausgelebte voreheliche Sexualität bestraft. Die einzelnen Morde werden sehr kreativ gestaltet, wie in der Saw–Reihe (2004-2010), der Täter besitzt meist ein markantes Requisit, wie die Kettensäge in The Texas Chainsaw Massacre (1974) oder die Eishockeymaske in den Freitag, der 13.- Filmen.

    Umstritten sind die - auch als Splatterfilme bekannten - Streifen nicht nur wegen ihrer extremen Gewaltdarstellung, sondern auch weil der Zuschauer in manchen Einstellungen durch spezielle Kameraperspektiven den subjektiven Blickwinkel des Mörders selbst einnimmt.


    Geschichte

    Der Deutsche Expressionismus

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    Die erste wichtige Station der Geschichte des Horrorfilms findet ausgerechnet in Deutschland ab 1913 statt. Stilistisch gründen die Werke, die man dieser Phase zurechnen kann, im filmischen Expressionismus, der sich vor allem durch Gestaltungsmitteln wie eine extreme Ausarbeitung von Licht und Schatten sowie durch irreal gestaltete Kulissen auszeichnet, die perfekt zu schauerlichen Stoffen passen.

    Inhaltlich greifen die Filme Themen der Literatur der Schauerromantik des frühen 19.Jahrhunderts auf wie das Doppelgängermotiv in Der Student von Prag (1913) oder das Schlafwandeln in Das Cabinet des Dr. Caligari (1919), also beides Motive, die durch die Instabilität des menschlichen Ichs Schrecken erzeugen.

    Mit Der Golem, wie er in die Welt kam erschien 1920 zudem mit einem künstlichen Menschen ein veritables Monster auf der Leinwand. Die bekannteste Horrorgestalt dieser Epoche ist aber Nosferatu (1921), einer der ersten und berühmtesten Vampire der Filmgeschichte.

    Die Klassische Phase

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    Die sogenannte klassische Phase des Horrorfilms beginnt in den 30er Jahren in den USA. Die Filme sind optisch und durch die Mitarbeit von deutschen Immigranten deutlich vom deutschen Expressionismus geprägt. Die klassische Phase brachte zwei Ikonen des Horrorfilms hervor, die bis heute popkulturell einflussreich sind: Bela Lugosi als Dracula (1931) und Boris Karloff als Frankensteins Monster in Frankenstein (1931). Diese beiden Schauspieler, die durch ihre europäische Herkunft perfekt die attraktive und bedrohliche Fremdheit des Bösen verkörpern konnten, wurden dann in zahlreichen Horrorfilmen der Universal-Studios eingesetzt, die auf Horrorfilme spezialisiert waren und das Genre grundlegend prägten.

    Die klassische Phase war die Hochzeit der charakteristischen Filmmonster, die immer wieder in verschiedenen Werken auftauchten und bis heute jedem Kind bekannt sind. Neben Dracula und Frankensteins Monster waren dies vor allem der Wolfsmensch (1940) die Mumie (1932) und Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1931) und nicht zuletzt King Kong und die weiße Frau (1933).

    Psycho-Horror

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    1960 sorgte Alfred Hitchcock mit Psycho für eine radikale Wende in der Geschichte des Horrorfilms. Das Böse geht hier nicht von einer Mumie oder einem Vampir aus dem fernen Transsilvanien aus, sondern von dem Menschen selbst. Ähnlich wie in dem im gleichen Jahr erschienenen Augen der Angst ist der Schurke hier eine gespaltene Persönlichkeit, der deshalb auf den ersten Blick harmlos wirkt, tatsächlich aber äußert mörderisch ist.

    Diese Verschiebung des Horrors ins Innere des Menschen ebnete den Weg für spätere Werke wie The Texas Chainsaw Massacre (1974) oder die Halloween- Reihe, die nicht mit subtilem Schaudern durch klassische Filmmonster arbeiten, sondern durch die direkte Bedrohung des Lebens der Protagonisten durch brutale, zu allem entschlossene Psychopathen.

    Die Gegenwart

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    Für den Horrorfilm der letzten zehn, zwanzig Jahre lässt sich (noch) keine eindeutige übergeordnete Tendenz feststellen. Einen neuen Impuls gab die 1996 begonnene Scream- Reihe. Sie reflektiert die Regeln des klassischen Horrorfilms und spielt virtuos mit ihnen, im Gegensatz zu anderen Genre-Parodien erzeugen die Filme aber wirklichen Schrecken.

    Wichtig waren um die Jahrtausendwende Filme wie The Sixth Sense (1999), Blair Witch Project (1999) oder The Others (2001), die wieder mit subtilerem Grauen arbeiten. In Blair Witch Project zum Beispiel ist das Monster nie zu sehen, der Schrecken auf Seiten der Zuschauer entsteht nur durch die Angst der Protagonisten.

    Parallel gab es aber auch einen Trend zu einem bisher nicht gekannten Ausmaß von Brutalität und Sadismus im Mainstream-Kino durch sogenannte "Torture Porns" wie Saw (2004) oder Hostel (2005).

    Einflussreich sind gegenwärtig vor allem japanische Werke, die sofort Hollywood-Remakes nach sich zogen wie "Ju-on" (2003), den Regisseur Takashi Shimizu höchstselbst unter dem Titel The Grudge (2004) mit den westlichen Sehgewohnheiten angepasster Struktur adaptierte, oder Ring (2002) nach dem japanischen Original "Ringu" (1998).

    Überhaupt scheinen dem amerikanischen Horrorgenre im Moment die Ideen auszugehen, regieren in den letzten Jahren doch hauptsächlich Remakes und das Aufeinandertreffen etablierter Größen wie Freddy vs. Jason (2003) aus Nightmare - Mörderische Träume und Freitag, der 13. das Geschäft mit dem Horror.


    Die Klassiker: 10 Horrorfilme, die man gesehen haben muss

    Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens (1922)

    Frankenstein (1931)

    King Kong und die weiße Frau (1933)

    Psycho (1960)

    Die Nacht der lebenden Toten (1968)

    Der Exorzist (1973)

    Halloween – Die Nacht des Grauens (1978)

    Shining (1980)

    Scream - Schrei! (1996)

    Blair Witch Project (1999)