Fantasyfilm

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    Zusammen mit dem Horrorfilm und der Science Fiction gehört der Fantasyfilm zum übergreifenden Bereich des phantastischen Films. Mit diesem Begriff werden jene Filmgenres zusammengefasst, die von Elementen handeln, die nicht in unserer "normalen" Realität vorkommen. Während der Science-Fiction-Film in einer zukünftigen Version unserer Welt spielt bzw. futuristische Elemente in die Gegenwart integriert, entwirft der Fantasyfilm komplett andere Welten. Dazu gehört zum Beispiel, dass magische Kräfte ein völlig selbstverständlicher Bestandteil der Fantasy-Welt sind. Im Horrorfilm dagegen sind solche übernatürlichen Kräfte gerade wegen ihrer Unerklärbarkeit eine Quelle des Grauens.

    Es gibt drei Typen von phantastischen Welten:

    Im so genannten klassischen Fantasyfilm handelt es sich um einen vollständig fiktiven, von unserer Lebenswelt völlig unabhängigen Ort, wie die Welten von Märchen oder Sagen.

    Der moderne Fantasyfilm zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass er in Parallelwelten zu unserem normalen Universum spielt, die nur durch bestimmte Zugänge betreten werden können - wie etwa das neben dem normalen England unserer Zeit existierende Zaubererinternat in den Harry Potter- Verfilmungen, oder das Wunderland, in das Alice dem weißen Kaninchen folgt. Typisch sind auch Gegenden, die nur dem Traum oder der Phantasie eines Menschen entsprungen sind - meistens dem Geist eines Kindes wie das "Zauberhafte Land", in das sich die kleine Dorothy in Der Zauberer von Oz träumt.

    Viele Fantasyfilme sind aber gerade so konstruiert, dass es dem Zuschauer nie ganz klar wird, ob die phantastische Welt "wirklich" oder nur in der Phantasie einer Figur existiert - ein Paradebeispiel dafür bildet Alice im Wunderland Pans Labyrinth von 2006.

    Typische Motive und Stilmittel

    Motive

    Die Fantasyfilme bedienen sich zum größten Teil alter literarischer Quellen. Sie basieren zum Beispiel auf griechischen Mythen (in zahlreichen italienischen B-Filmen), nordischen Sagen (Die Nibelungen, Motiven aus Märchen (siehe Märchenfilm) oder orientalischen Sagen wie den Märchen aus 1001 Nacht (Der Dieb von Bagdad, Sindbads 7. Reise). Viele Filme spielen auch in einem mythisierten Mittelalter (Excalibur).

    Gemeinsam haben alle diese Geschichten, dass sie in einer Welt spielen, in der die Wesen, die sie bevölkern, wie selbstverständlich über magische Kräfte verfügen. Dadurch wird alles möglich, der Phantasie sind buchstäblich keine Grenzen gesetzt. Die Menschen leben ohne Technik in Einklang mit einer beseelten Natur.

    Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstand die phantastische Literatur als eigenständige literarische Gattung, die ebenfalls als Vorlage für die Fantasyfilme dient. Als Urvater dieser Richtung gilt der Engländer William Morris, der als erster eine vollständig fiktive phantastische Welt ohne direkten Bezug auf mythische Quellen erschuf. Neben Lewis Carroll, dem Autor des mehrfach verfilmten Romans "Alice im Wunderland", ist der bekannteste Vertreter der phantastischen Literatur sicherlich JRR Tolkien. In seiner "Herr der Ringe"- Saga entwirft Tolkien mit Mittelerde eine eigene, komplett eingerichtete Welt mit eigener Historie und eigenen Sprachen. Er orientierte sich dabei zwar bei Figuren wie Zauberern und Zwergen an bestehenden Legenden, erschuf aber auch neue Wesen wie die Hobbits.

    Stilmittel

    Obwohl es auch einige schwarz-weiße Fantasyfilme gibt, wie Der Dieb von Bagdad von 1924 oder Die Nibelungen aus dem gleichen Jahr, konnte erst der Farbfilm die volle Pracht der phantastischen Welten zur Geltung bringen. 1940 etwa entstand ein Remake von Der Dieb von Bagdad, das erst durch die Farbe die bunte Welt des Orients zur vollen Entfaltung bringen konnte.

    Extrem wichtig für das Genre sind auch die Spezial-Effekte, die beispielsweise Drachen oder sprechende Tiere glaubwürdig animieren müssen. Der Fantasyfilm altert technisch äußerst schnell, viele damals revolutionär wirkende Effekte wirken heute unfreiwillig komisch. Der Herr der Ringe konnte erst 2001 - nach einer Zeichentrick-Adaption von 1977 - technisch adäquat verfilmt werden.

    Auch die Abteilungen für Kostüm und Make-up sind im Fantasyfilm so gefordert wie in sonst keinem Genre.


    Typische Figuren

    Wie seine literarischen Vorbilder erzählt auch der Fantasyfilm einfache Geschichten mit klarer Moral. In den phantastischen Welten kann deswegen ohne Probleme zwischen Gut und Böse unterschieden werden: Der Held und seine Helfer sind gut und nur gut, seine Gegenspieler sind böse und nur böse. Schon in ihrem äußeren Auftreten ist immer klar erkennbar, ob eine Figur gut oder böse ist. Der Held ist immer strahlend, seine Geliebte ist immer schön und unschuldig rein, die Zauberer an seiner Seite meist weiß gekleidet. Die böse Hexe ist immer auch hässlich – oder in neueren Filmen stattdessen besonders verführerisch -, die bösen Zauberer tragen immer schwarz. Für diese plakative Schwarz-Weiß-Malerei wird der Fantasyfilm oft kritisiert. Es gibt aber auch Ausnahmen wie die Figur des Gollum aus Der Herr der Ringe, der den fantasy-typischen Kampf zwischen Gut und Böse in sich selbst austrägt.

    Im Mittelpunkt der Handlung steht meist ein einzelner Held, der in die Welt ziehen muss, um eine Aufgabe zu erfüllen, für die er oft auserwählt ist (wie Harry Potter) und im Zuge derer er sich mit dem Bösen konfrontieren muss. Der Held scheint zunächst seiner Mission nicht gewachsen zu sein, löst dann aber mit der Unterstützung verschiedener Helferfiguren seine Aufgabe und kehrt an der Herausforderung gewachsen in seine Heimat zurück. Dieses Handlungsschema, das in der Theorie Heldenreise genannt wird, liegt fast allen Sagen und Legenden, aber auch modernen Filmen zu Grunde. Besonders deutlich zeigt es sich im Bereich der Fantasy in Der Herr der Ringe in der Figur des Hobbits Frodo.


    Subgenres

    High Fantasy

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    Mit dem Begriff der "Hohen Fantasy" werden Werke wie die Der Herr der Ringe- Trilogie bezeichnet, also Filme die eine reich ausgearbeitete Welt entwerfen, die von eigens entworfenen Völkern bewohnt ist. Das Personal ist dabei nicht auf einen einzelnen Helden beschränkt, die High Fantasy entwirft ein breites Panaroma der phantastischen Welt, die sich oft in der Zeit eines gigantischen Entscheidungskampfes zwischen dem Guten und der Macht des Bösen befindet. In der Handlung werden Zeit und Raum episch durchschritten. Beispiele sind Filme und Filmreihen, die im Gefolge von Der Herr der Ringe in die Kinos kamen: Die Chroniken von Narnia (2005) oder Der goldene Kompass (2007).

    Sword and Sorcery

    Als traditioneller Gegenbegriff zur Hohen Fantasy gilt das Subgenre "Sword and Sorcery". Wie der Name (Schwert und Zauberei) schon nahe legt, liegt der Schwerpunkt in dieser Untergattung auf den Actionszenen. Im Gegensatz zu den komplexer gestalteten Charakteren der Hohen Fantasy sind die Figuren der Sword and Sorcery eindimensionaler angelegt, sie dienen eher dazu, den Plot voranzutreiben als eine Entwicklung der Persönlichkeit im Sinne der Heldenreise zu transportieren. Die, im Gegensatz zur High Fantasy einsträngige, Handlung basiert auf einfachen Beweggründen - zum Beispiel die Rettung einer Frau oder eines Dorfes – und treibt den körperlich starken, aber geistig simpel gestrickten Helden von einer Kampfszene mit skurrilen Monstern in die nächste. Der bekannteste Film dieses, auch "Heroic Fantasy" genannten, Subgenres ist sicherlich Conan, der Barbar (1981). Der von Arnold Schwarzenegger verkörperte Titelheld streift mit dem alleinigen Ziel, den Tod seiner Eltern zu rächen, durch eine archaische Urzeit.

    Bangsian Fantasy

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    Ein kleineres Subgenre ist die sogenannte "Bangsian Fantasy". In dieser Untergattung, die nach ihrem prominentesten literarischen Vertreter John Kendrick Bangs benannt ist, wird das Leben nach dem Tod gezeigt. Bezeichnender Weise waren Filme dieser Art während des Zweiten Weltkrieg sehr populär, so zum Beispiel Urlaub vom Himmel (1941), der 1978 unter dem Titel Der Himmel kann warten neu verfilmt wurde. Der Film handelt von einem Sportler, der nach einem beinahe tödlichen Unfall von einem unerfahrenen Engel versehentlich für Tod erklärt wurde, und nun im Himmel in einen neuen Körper gesteckt und wieder auf die Erde geschickt wird. Um 1990 wurde das Motiv des als Engel auf die Erde zurückkehrenden Toten in Steven Spielbergs Always (1989) und Ghost - Nachricht von Sam (1990) wieder aufgegriffen - zuletzt auch in In meinem Himmel (2009) von Peter Jackson. In Hinter dem Horizont (1998) mit Robin Williams wird das Jenseits mit großem Aufwand an Spezialeffekten ausgemalt.

    Märchenfilm

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    Märchen sind die ergiebigste Quelle für Fantasyfilme, deshalb lässt sich vom Märchenfilm als einem eigenen Subgenre sprechen. Märchen spielnen im Gegensatz zu Sagen, Legenden und auch der High Fantasy an einem unbestimmten Ort und leben gerade von ihrer Zeitlosigkeit, wie die berühmte Formel "es war einmal" andeutet, die in der Sammlung der Brüder Grimm die einzelnen Märchen einleitet.

    Ähnlich wie in den anderen phantastischen Gattungen sind auch hier Wesen und Dinge, die mit Zauberkräften ausgestattet sind, eine Selbstverständlichkeit. Obwohl Märchen an sich ursprünglich nicht ausschließlich an Kinder gerichtet waren, sind Märchenfilme hauptsächlich an ein junges Publikum adressiert, was sich an vielen naiven Verfilmungen ablesen lässt. Der französische Surrealist Jean Cocteau zeigte mit Die Schöne und das Biest allerdings bereits 1946, dass auch eine künstlerisch wertvolle Märchenadaption möglich ist. Die künstlich-traumhafte Atmosphäre war für Jahrzehnte stilbildend bis hin zu Disneys Version des Märchens, Die Schöne und das Biest von 1991.

    Besonders wichtig waren Märchenverfilmungen in den ehemaligen kommunistischen Ländern, der Sowjetunion, der DDR und vor allem in Tschechien. Beispielhaft für die durch ihren Realismus berühmt gewordenen tschechischen Märchenfilme ist Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973). Die Macher transportierten in den Filmen teilweise sozialistische Botschaften in der zeitlosen Form des Märchens.

    Auch die Disney Company griff für ihre Zeichentrickfilme immer gerne auf Märchenstoffe zurück, von Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937) über Pinocchio bis hin zu Die Schöne und das Biest (1991) und zuletzt Rapunzel - Neu verföhnt (2010). Die Disney-Märchen setzen tendenziell stark auf Humor, überhaupt sind Märchen sehr dankbar für Parodien, da wohl jeder die Motive und Figuren von Grimms Märchen kennt. Darauf setzten zum Beispiel die Filme um Shrek. Es gibt aber auch ernsthafte Märchenverfilmungen, die sich eher an Erwachsene richten und dabei Erkenntnisse der psychoanalytischen Märchenforschung nutzen, wie das feministisch angehauchte Werk Die Zeit der Wölfe (1984).


    Geschichte

    Frühzeit

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    In der Ära des schwarz-weißen Stummfilms entstanden bereits phantastische Filme wie Der Dieb von Bagdad (1924) oder die deutschen Produktionen von Fritz Lang, Die Nibelungen und Der müde Tod, die mit ihrer aufwändigen Ausstattung Maßstäbe setzten.

    Aber erst mit der Einführung des Farbfilms konnte das Fantasy-Genre zu einer angemessen Form finden, die den Orient in dem Remake von Der Dieb von Bagdad (1940) erst richtig in seiner Farbpracht zeigen konnte. Im frühen Höhepunkt des Genres, Der Zauberer von Oz (1939), wird dem tristen Kansas ein knallbuntes Zauberland entgegen gestellt, in das sich die Hauptfigur Dorothy nach einem Unfall phantasiert.

    Die Ära Harryhausen

    Der nächste wichtige Abschnitt der Geschichte des Fantasyfilms ist nicht durch einen bestimmten Regisseur oder Schauspieler geprägt, sondern durch einen Techniker: den Special-Effects-Meister Ray Harryhausen. Harryhausen schuf für seinen bekanntesten Film Sindbads 7. Reise (1958) bisher nie gesehene Geschöpfe wie einen Zyklopen und den Vogel Roc. Seine berühmteste Gestalt ist wohl das lebende Skelett aus dem selben Film, das Harryhausen derart gelungen zum Leben erweckte, dass es eine glaubwürdige Fechtszene mit dem Helden absolvieren konnte.

    Dazu nutzte er das von ihm entwickelte Dynamotion- Verfahren, eine spezielle Stop-Tricktechnik, in der die Figuren zunächst in einzelnen Standbildern aufgenommen und dann wieder zu einem flüssigen Bewegungsablauf zusammen montiert werden. Die von Harryhausen geprägten Streifen setzen nicht auf differenzierte Figuren, sondern führen von einem Kampf mit einer spektakulären Kreatur zum nächsten.

    Neoromantik

    Nach einer längeren Pause erlebte der Fantasyfilm Anfang der 80er Jahre im Zuge einer allgemeinen popkulturellen Bewegung, die Neoromantik genannt wird, eine wahre Renaissance. Ausschlaggebend war auch die fortgeschrittene Technik, die Effekte in einem nie vorher da gewesenen Ausmaß erlaubte.

    Als Auslöser für das Comeback gilt der Film Jäger des verlorenen Schatzes (1981), der zwar kein Fantasyfilm im eigentlichen Sinne ist, aber einige phantastische Elemente aufweist. Es folgten etliche Filme wie Time Bandits, Excalibur, Conan, der Barbar (alle 1981), Der dunkle Kristall, Krull (beide 1982) sowie Legende (1985) mit dem jungen Tom Cruise. In Deutschland brachte die neue Welle unter anderem die Michael Ende- Verfilmungen Die unendliche Geschichte (1984) und Momo (1986) hervor.

    2000er

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    Das Jahr 2001 sorgte für einen Höhepunkt der Genregeschichte. Mit Der Herr der Ringe: Die Gefährten und Harry Potter und der Stein der Weisen starteten die ersten Teile von den zwei berühmtesten Fantasy- Buchreihen aller Zeiten. Wie die Romanvorlagen waren auch die Verfilmungen ein immenser Erfolg.

    Im Windschatten ihres Erfolgs erschienen zahlreiche Filme, die ebenfalls auf Romanen basierten und sich als mehrteilige Reihe von Kassenschlagern etablierten wollten - allerdings mit meist kleinerem Erfolg, zum Beispiel Die Chroniken von Narnia (2005 und 2010), Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter (2006), Der goldene Kompass (2007) und Tintenherz (2008).


    Die Klassiker: 10 Fantasyfilme, die man gesehen haben muss

    Die Nibelungen (1923/24)

    Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937)

    Der Zauberer von Oz (1939)

    Die Schöne und das Biest (1946)

    Sindbads 7. Reise (1958)

    Conan, der Barbar (1981)

    Excalibur (1981)

    Die Zeit der Wölfe (1984)

    Der Herr der Ringe: Die Gefährten (2001)

    Harry Potter und der Stein der Weisen (2001)