Dokumentarfilm

    Aus Film-Lexikon.de

    Der größte Unterschied eines Dokumentarfilms zu Spielfilmen ist, dass der Dokumentarfilm die gesellschaftliche oder historische Realität möglichst sachgetreu wiedergeben will; es gibt keine Spielhandlung, es handelt sich also nicht wie beim Spielfilm um Fiktion.

    Prinzipiell wird an einen Dokumentarfilm also der Anspruch erhoben, authentisch zu sein. Bei historischen Filmen sollte darauf geachtet werden, verschiedene Forschungsmeinungen zu berücksichtigen und die Vorgänge aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und wiederzugeben.

    Bei Tierdokumentationen ist die Authentizität noch schwerer zu erlangen. So muss die Störung durch die Anwesenheit des Kamerateams möglichst gering gehalten und zudem auf die Repräsentativität des Filmmaterials geachtet werden: Wird eine Szene ohne Erläuterung in einem Dokumentarfilm gezeigt, geht der Zuschauer unwillkürlich davon aus, dass diese in irgend einer Art und Weise typisch ist. Wird mit dressierten Tieren gearbeitet, kann man natürlich nicht von einer Dokumentation im eigentlichen Sinn sprechen.

    Unter das Genre fallen verschiedene Weiterentwicklungen wie Doku-Soap und Doku-Drama.

    Subgenres

    Hier sollen zwei Untergattungen des Dokumentarfilms kurz erläutert werden.

    Kompilationsfilm

    Kompilationsfilme sind Filme, die aus bereits vorhandenem dokumentarischen Material zusammen gestellt sind. Die montierten Filmausschnitte werden meist auch kommentiert und sollen die Aussage des Autors vermitteln und verdeutlichen. Ergänzt werden können die Archivbilder durch Interviews, neu gefilmtes Material und gespielte Szenen. Besonders zu Propagandazwecken sind Kompilationsfilme beliebt. Beispiele sind The Atomic Café (1982), Ewige Schönheit (2003) und Fitna (2008).

    Mockumentary

    Der Kunstbegriff Mockumentary bezeichnet einen fiktionalen Dokumentarfilm ohne Wahrheitsanspruch. Eine Mockumentary gibt vor, ein Dokumentarfilm zu sein und inszeniert dabei scheinbar reale Vorgänge. Häufig werden echte Dokumentarfilme oder das ganze Genre parodiert. Das Ziel kann sein, das Medienbewusstsein des Zuschauers zu schärfen. Bekannte Beispiele sind Gnadenlos schön (1999), Best In Show (2000) und Borat (2006).


    Geschichte

    Das Genre des Dokumentarfilms ist das älteste der Filmgeschichte: Technisch bedingt handelte es sich am Beginn der Aufzeichnung bewegter Bilder um einzelne kurze Einstellungen, die Momente aus dem Leben zeigten, beispielsweise einen in den Bahnhof einfahrenden Zug. Ende des 19. Jahrhunderts dominierte immer noch der Dokumentarfilm, alleine aus dem Grund, dass es auf Grund des technischen Stands kaum möglich war, längere Handlungen wiederzugeben.

    1920er Jahre

    Der erste abendfüllende Dokumentarfilm - Nanuk, der Eskimo - entstand 1922. Allerdings wurde bereits hier Abstand von der "Wahrheit" genommen, da zahlreiche Inszenierungen und Anweisungen des Regisseurs zu Gunsten eines vermeintlich höheren Unterhaltungswerts eingesetzt wurden.

    Eines der ältesten deutschen Dokumentarfilmgenres ist der Kulturfilm. Schon zur Zeit der Weimarer Republik wurden im damals besten Spezialstudio seiner Art zahlreiche Schul- und Lehrfilme hergestellt.

    Sehr populär in dieser Zeit war die Konzentration auf die städtische Umgebung, was Filme wie Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (1927) und Der Mann mit der Kamera (1929) zeigen.

    1930er und 1940er Jahre

    Eine wichtige Tradition des Dokumentarfilms sind die Wochenschauen, das sind für das Kino produzierte wöchentlich erstellte Zusammenstellungen von Filmberichten über aktuelle politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse, die als Vorfilm gezeigt wurden. Die hierbei gezeigten Ereignisse waren oft nachgestellt, da beispielsweise Kampfszenen selten live mitgefilmt werden konnten.

    In Pirsch unter Wasser (1942) wurden erstmals dokumentarische Unterwasseraufnahmen veröffentlicht.

    Der Nationalsozialismus nutzte Dokumentationen als Propagandamaterial: Triumph des Willens (1934) und Der ewige Jude (1940) sollten die entsprechenden Ideologien der Bevölkerung nahe bringen.

    1950er, 1960er und 1970er Jahre

    Auch in dieser Zeit wurde der Dokumentarfilm als politische Waffe verstanden, besonders im Kampf gegen den Neokolonialismus bzw. den Kapitalismus. Erwähnenswert hierbei ist Die Stunde der Feuer (1968).

    Besonders in Bezug auf Natur und Umwelt brachten die drei Jahrzehnte viel hervor. Herausragend waren vor allem Quick - das Eichhörnchen (1953) und Die Hellstrom-Chronik (1972) von Heinz Sielmann.

    1961 erschien Panamericana - Traumstraße der Welt, eine Dokumentation über eine Reise von Nord- bis Südamerika. Ebenfalls bekannt wurden die Filme Kein Platz für wilde Tiere (1956) und Serengeti darf nicht sterben (1960). Einer der Klassiker der Naturdokumentation schlechthin ist die Disney-Produktion Die Wüste lebt (1953), die allerdings durch die exzessive Untermalung mit Musik- und Soundeffekten über einen reinen Dokumentationsfilm hinaus geht.

    Aktuelle Entwicklungen

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    In den letzten Jahrzehnten wurde der Kino-Dokumentarfilm zunehmend kommerzialisiert und bewusst auf ein großes Publikum angelegt.

    Auffällig bei den neueren Tierdokumentationen ist, dass deren Anliegen vor allem die Unterhaltung der Zuschauer ist. Dies zeigt sich an der Meeresdokumentation Deep Blue (2004), die zwar viele spektakuläre Aufnahmen von kaum erforschten Unterwasselebewesen zeigt, diese aber selten kommentiert oder erklärt. Die Reise der Pinguine (2005) geht sogar so weit, die tierischen Protagonisten durch eine Stimme aus dem Off zu vermenschlichen. Weitere erfolgreiche neuere Naturdokumentationsfilme sind Der weiße Planet (2006) und Unsere Erde (2007).

    Doch auch politische Botschaften werden zunehmend als massentauglicher Dokumentationsfilm verpackt: Michael Moores Erfolgsfilme Bowling for Columbine (2002) und Fahrenheit 9/11 (2004) setzen sich kritisch mit der politischen und sozialen Lage in den USA auseinander.