Kriegsfilm
Aus Film-Lexikon.de
In vielen Filmen aus verschiedensten Genres können kriegerische Auseinandersetzungen eine wichtige Rolle spielen, so im Melodram (Vom Winde verweht (1939)), im Fantasyfilm (Der Herr der Ringe: Die zwei Türme (2002) oder bei der Science Fiction (Krieg der Sterne (1977)). Von einem Kriegsfilm im Sinne eines eigenen Genres aber kann man nur bei Filmen sprechen, in denen der Krieg selbst die eigentliche Hauptrolle spielt, und nicht nur den Hintergrund für die persönlichen Probleme der Figuren abgibt.
Zudem sind Genretheoretiker übereingekommen, nur filmische Behandlungen von realen Kriegen des 20. Jahrhunderts zum Genre im engeren Sinn zu zählen. Filme wie Königreich der Himmel - Kingdom of Heaven (2005) oder Master And Commander - Bis ans Ende der Welt (2003), die ältere Schlachten zeigen, werden eher als Historienfilme gewertet.
Die typischste Form des Kriegsfilms ist der so genannte "Combat Film", also ein Film, der ausschließlich in der Schlacht spielt. Es gibt aber auch Filme, die keine Szenen auf dem Schlachtfeld zeigen, in denen der Krieg aber trotzdem in entscheidender Weise in das Leben der Protagonisten eingreift - wie etwa die zahlreichen Filme, die das Schicksal von Kriegsheimkehrern beleuchten (siehe Subgenres). Problematisch ist auch die Unterscheidung zwischen Kriegs- und Antikriegsfilmen. Die Grenzen, ab wann ein Film den Krieg kritisiert, ihn "neutral" abzubilden versucht oder gar Kriegspropaganda betreibt, sind fließend.
Francis Ford Coppola, der Regisseur des bedeutenden Kriegsfilms Apocalypse Now (1979), sagte einmal: "Alle Kriegsfilme sind Antikriegsfilme". Doch auch die umgekehrte Lesart ist verbreitet: Auch der Film, der sich mit dem Krieg kritisch auseinandersetzt, muss Schlachtszenen zeigen, die eine Eigendynamik entwickeln können. So können auch Filme, die als Antikriegsfilme gelten, ungewollt so etwas wie Soldatenromantik und Kameradschaftsgeist erzeugen - Elemente, die für viele Zuschauer die Faszination an Kriegsfilmen ausmachen.
Einige Filme aber können wegen ihrer überdeutlichen Botschaft und ihrer nicht-heroisierenden Inszenierung der Schlachtszenen klar als Antikriegsfilm angesehen werden, zum Beispiel Im Westen nichts Neues (1930), Die Brücke (1959) oder Wege zum Ruhm (1957).
Typische Motive und Stilmittel
Motive
Viele Kriegsfilme, ob kriegsbegeistert oder kritisch orientiert, folgen einem auffällig ähnlichen Schema: Der Film beginnt in der Heimat, der Held, meistens ein noch junger und naiver Mann, meldet sich freiwillig zum Kriegseinsatz. Nach diesem Muster beginnen Filme über die unterschiedlichsten Kriege, zum Beispiel Im Westen nichts Neues (1930) über den Ersten Weltkrieg, Die Brücke (1959) über den Zweiten Weltkrieg oder der Vietnam-Film Geboren am 4. Juli (1989). Zentral ist dabei oft der Moment des schmerzvollen Abschieds, der in Kriegsfilmen mit propagandistischer Tönung zum notwendigen, heroischen Akt stilisiert wird.
Zunächst sind die Helden noch euphorisch – in Im Westen nichts Neues wurde die Hauptfigur durch seinen kriegstreiberischen Lehrer indoktriniert -, beim ersten Kontakt mit der Grausamkeit an der Front kommt es aber zu einem Wendepunkt: In Filmen, die den Krieg tendenziell als heroische Erfahrung sehen, wird der junge Rekrut durch die Erfahrung gestählt und avanciert zum männlichen Helden. In Antikriegsfilmen hingegen gelangt die Figur zum Umdenken oder zerbricht daran.
In einigen Filmen wird der Schwerpunkt auf die militärische Ausbildung gelegt, die den Rekruten ihre Individualität raubt (vor allem in Full Metal Jacket (1987)). In anderen Filmen steht hingegen das qualvolle Warten auf einen Einsatz mit seinen psychischen Folgen im Zentrum, so in Catch 22 - Der böse Trick (1970), Das Boot (1981) oder Jarhead - Willkommen im Dreck (2005).
Die Schauplätze sind für den Kriegsfilm von äußerster Wichtigkeit. Jeder Krieg und damit auch seine filmische Behandlung ist durch den äußeren Raum geprägt: durch den undurchsichtige Dschungel in den Filmen über den Vietnamkrieg, die unwirtliche Wüste im Irakkrieg (Jarhead - Willkommen im Dreck) oder den Grabenkampf im Ersten Weltkrieg (Im Westen nichts Neues, Wege zum Ruhm (1957)).
Stilmittel
Stilistisch ist für den Kriegsfilm die glaubwürdige Nachstellung einer historisch verbürgten Schlacht von oberster Priorität, um ernst genommen zu werden. Das gilt sowohl für heroisierende Propagandastreifen als auch für anklagende Antikriegsfilme.
Für das gewüschte quasi-dokumentarische Resultat ist eine bis ins Detail historisch korrekte Ausstattung von Nöten. Um die Schlachtszenen eindrücklich zu inszenieren, werden Effekte eingesetzt, die auch im Action-Film Anwendung finden - wie Stunts, Schusswechsel oder Pyrotechnik. Diese Nähe zum Actionfilm sorgt oft für die Kritik, dass in Kriegsfilmen Kämpfe nur um des Spektakels willen inszeniert werden.
Im jüngeren Kino ermöglichen moderne Soundanlagen, dass der Zuschauer durch Toneffekte mitten in die Schlacht gezogen wird - wie in der berühmten Anfangssequenz in Der Soldat James Ryan (1998) oder in Brotherhood (2004).
Typische Figuren
Im Allgemeinen setzen Kriegsfilme als Protagonisten keine Einzelgänger ein, die unbeirrt ihren Weg gehen - wie die Helden im Abenteuerfilm oder im Western. Eine Ausnahme bildet der oben skizzierte Typus des jungen Mannes, der eine Entwicklung von naiver Euphorie hin zu Desillusionierung oder auch zum idealisierten Heldentum durchläuft. Allerdings geht es dabei weniger um die Schöpfung eines individualisierten Heldenmythos, als eher um die Eingliederung in eine Gemeinschaft.
Ganz in diesem Sinne kreisen die meisten Kriegsfilme nicht um eine einzelne Figur, sondern erzählen von einer Gruppe von Soldaten. Im Zentrum stehen oft die Konflikte innerhalb der Truppe, deren Mitgleider üblicherweise jeweils einen bestimmten Typus verkörpern (Der Feigling, Der Draufgänger usw.). Im Angesicht des Krieges muss sich diese Gruppe zusammenraufen, die einzelnen Typen überwinden ihre Schwächen. Häufig wird auch das Verhältnis der Gruppe zu ihrem Vorgesetzten thematisiert, der als menschenverachtender Psychopath (Platoon (1986)), harter, aber gerechter Schinder (Todeskommando (1949)) oder als komplett unfähig (in vielen Kriegssatiren) erscheinen kann.
Die gegnerischen Kämpfer werden entweder als gesichtslos dargestellt oder geradezu dämonisiert, was vielen Filmen - gerade über den Vietnamkrieg - den Vorwurf des Rassismus eingebracht hat, wie etwa Die durch die Hölle gehen (1978).
Subgenres
Lagerfilm
Einen Sonderfall unter den Kriegsfilmen stellt der Lagerfilm dar, der nicht auf dem Schlachtfeld selbst spielt, sondern im Kriegsgefangenenlager. Die Auswirkungen des Krieges auf die Soldaten verschieben sich hier von der unmittelbaren körperlichen Bedrohung in der Schlacht auf die in erster Linie psychischen Belastungen im Gefangenenlager.
Oft steht die ausführliche Schilderung von Planung und Durchführung einer Flucht aus dem Lager im Mittelpunkt - wie etwa in Stalag 17 (1953) oder Gesprengte Ketten (1963). Wegen der Nähe des Motivs zum Abenteuer-Film oder Thriller wird in Filmen dieser Art häufig eine Gefahr der Verharmlosung des Daseins im Gefangenenlager gesehen.
In vielen Werken des Subgenres steht das psychologische Duell zwischen einem Gefangenen und einem Aufseher im Brennpunkt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Die Brücke am Kwai (1957), der vom fast schon pervertierten Ringen um Ehre zwischen einem britischen Offizier und einem japanischen Lagerkommandanten erzählt. Eine originelle Variation bietet Die große Illusion (1937), in dem sich ein deutscher Offizier während des Ersten Weltkrieges mit einem gleichrangigen französischen Gefangenen anfreundet.
Kriegssatire
Auch die Kriegssatire kann als eigenes Subgenre gelten. Anders als in Parodien, die wie Hot Shots! - Die Mutter aller Filme!(1991) die Klischees des Kriegsfilms persiflieren, wird in Kriegssatiren der Wahnsinn des Krieges mit bitterem Humor beleuchtet.
Stanley Kubrick entlarvt in Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) die Absurdität des militärischen Denkens, indem er eine eigentlich ernst gemeinte Romanvorlage mit deutlichen Ironie-Signalen zu einer Komödie verfremdet.
Die Komödie Wie ich den Krieg gewann (1967) arbeitet ebenfalls mit Verfremdungseffekten - wie etwa dem direkten Sprechen in die Kamera -, um das Aufkommen von Spannung zu verhindern. Den Konventionen des Kriegsfilms soll auf diese Weise radikal entgegen gearbeitet werden, um einen Blick auf den Irrsinn des Krieges zu ermöglichen. Auch die Mission, die der Film seinen Soldaten auferlegt, ist irrsinnig: Sie sollen hinter den feindlichen Linien ein Kricketfeld errichten.
In anderer Weise wird der Wahnsinn des Krieges in Catch 22 - Der böse Trick (1970) reflektiert: Wer nicht mehr kämpfen will, muss sich vom Stabsarzt für verrückt erklären lassen. Der Krieg wird dadurch in seiner Paradoxie offenbar: Wer sich dem Wahnsinn verweigert, muss verrückt sein.
In M*A*S*H (1970) hingegen unterlaufen die Protagonisten mit fröhlich-anarchischen Aktionen jede Form von militärischer Ordnung.
Heimkehrer-Filme
Ein absoluter Grenzfall des Kriegsfilms, der von vielen Theoretikern auch nicht zum Genre gezählt wird, ist der Film, der nicht im Krieg selbst spielt, sondern sich mit dem Schicksal von Kriegsheimkehrern beschäftigt.
In Die besten Jahre unseres Lebens (1946) wird von der schwierigen Eingliederung von heimgekehrten Veteranen erzählt, Schlachtszenen kommen hier überhaupt nicht vor. In Coming Home - Sie kehren heim (1978) gewinnt ein an Körper und Seele geschädigter Soldat neuen Lebensmut, als er mit einer Krankenschwester eine Beziehung eingeht, die aber die Frau eines Offiziers ist. Die Dreiecksgeschichte rückt den Film nahe an das Melodram. Johnny zieht in den Krieg (1971) zeigt die Veteranen-Problematik aus der Perspektive eines Soldaten, der ohne Gliedmaßen und mit einem zerfetzten Gesicht aus dem Krieg heimkehrt. Verzweifelt versucht er, Kontakt zu Ärzten aufzubauen, die ihn jedoch für keine lebenswerte Existenz halten.
Geschichte
Der Erste Weltkrieg im Film
Der Erste Weltkrieg (1914 - 1918) stellte eine neue Dimension der Kriegsführung dar. An die Stelle des "heroischen" Kampfes Mann gegen Mann in früheren Kriegen rückte ein anonymer Stellungskrieg, in dem Soldaten nur mehr als Material und Futter für die modernen Maschinengewehre betrachtet wurden.
Deshalb brachte der Erste Weltkrieg viele Werke hervor, die man als Antikriegsfilme bezeichnen kann, da in ihnen keine Spuren von Heroismus zu erkennen sind.
Während des Krieges entstanden vor allem direkt an der Front aufgenommene Dokumentationen wie "Battle of the Somme" (1916). Erst ab 1925 wurden die Ereignisse in Spielfilmen aufgearbeitet - am berühmtesten in Im Westen nichts Neues (1930), der gleichnamigen Verfilmung von Erich Maria Remarques berühmten Roman. Der Film zeigt die Anonymisierung und Ohnmacht des einzelnen im Stellungskampf aus deutlich pazifistischer Sicht. Dem Film wurde aber auch vorgeworfen, den Krieg als unanfechtbares Naturereignis darzustellen und damit seine Ursachen zu ignorieren.
Noch 1957 greift Stanley Kubrick für seinen Antikriegsfilm Wege zum Ruhm auf eine Episode aus dem Ersten Weltkrieg zurück, die die Verheizung der Frontsoldaten zeigt. Nach einem durch unfähige, menschenverachtende Vorgesetzte verpatzten Angriff werden drei Soldaten als Sündenböcke zum Tode wegen Feigheit vor dem Feind verurteilt.
Der Zweite Weltkrieg im Film
Der Zweite Weltkrieg (1939 – 1945) konnte im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg für die Alliierten uneingeschränkt als gerechter Krieg gelten. Deswegen konnte der Kriegsfilm in den USA und in Großbritannien problemlos als Propaganda-Instrument genutzt werden - von den nationalsozialistischen Propaganda- und Durchhaltefilmen auf deutscher Seite ganz zu schweigen.
Aber auch in amerikanischen Produktionen sind rassistische Tendenzen gerade gegenüber den japanischen Kriegsgegnern zu bemerken (zum Beispiel Der Held von Burma (1945)). Erst 2006 erzählte mit Letters from Iwo Jima von Clint Eastwood ein amerikanischer Film über den 2. Weltkrieg aus japanischer Sicht.
Auch lange nach dem Ende des Krieges war der Zweite Weltkrieg für die USA als einziger "guter Krieg" die singuläre Möglichkeit, den Heroismus von Soldaten zu feiern (obwohl es auch Filme über den Zweiten Weltkrieg gibt, die gerade dies nicht tun).
1998 erlebte der "World War II Combat Film" ein überraschendes Comeback mit Der Soldat James Ryan und Der schmale Grat. Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan gilt bei kriegserfahrenen Zuschauern als der realistischste Kriegsfilm aller Zeiten, da er nicht mehr wie seine frühen Vorgänger an Beschränkungen der Zensur hinsichtlich der Gewaltdarstellung gebunden war.
Der Vietnamkrieg im Film
Im Gegensatz zum 2. Weltkrieg gilt der Vietnamkrieg (1965-1973) als amerikanisches Trauma. Deshalb begann die filmische Aufarbeitung erst 1978 mit Die durch die Hölle gehen - zu Kriegszeiten entstanden nur reaktionäre Propagandastreifen wie Die grüne Hölle (1967) mit John Wayne.
Auch Die durch die Hölle gehen (1978) wurde Rassismus vorgeworfen, da die Vietnamesen als Sadisten portraitiert werden: Sie sind nur in einer markanten Szene zu sehen, in der sie die Kriegsgefangenen zwingen, russisches Roulette zu spielen. Ansonsten zeigt der Film aber mit großem Realismus die Auswirkungen des Krieges auf die heimgekehrten Veteranen, allerdings ohne den Krieg als solchen zu hinterfragen.
Der Vietnamkrieg war durch massiven Drogenkonsum und Wahnsinn auf Seiten der Soldaten geprägt, und erst Apocalypse Now (1979) von Francis Ford Coppola wurde dem gerecht. Der Film schildert in verstörenden, psychedelischen Bildern die Reise eines Trupps durch Vietnam, der den Auftrag hat, einen Colonel zu liquidieren, der sich für einen Gottkönig hält und mitten im Dschungel ein absolutistisches Terrorreich errichtet hat.
Auch in den 80er Jahren zeigt eine Reihe von Filmen den Vietnamkonflikt als Krieg, der jede herkömmliche, "rationale" Kriegsführung hinter sich gelassen hat, und in Wahnsinn und Gewalt versinkt. Die markantesten Beispiele sind Platoon (1986), Full Metal Jacket (1987) und Die Verdammten des Krieges (1989).
Der Krieg gegen den Terror im Film
Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Feldzügen in Afghanistan und dem Irak geriet der Krieg schlagartig wieder in die unmittelbare Wahrnehmung der Menschen auf der ganzen Welt. Dies wirkte sich auch auf das Kino aus. So erschienen wieder Filme, die den Kampf amerikanischer Soldaten in vorangegangenen Kriegen heroisieren (Wir waren Helden (2002)).
Filme wie Operation: Kingdom (2007) oder Der Mann, der niemals lebte (2008) spielen direkt im Anti-Terrorkrieg. In ihnen lassen sich Parallelen zum Vietnamkrieg erkennen: Was in Vietnam der undurchsichtige Dschungel war, sind hier die Wüstenlandschaft und die Häuserschluchten. Die Soldaten sind oft nicht in der Lage zwischen Zivilisten und Feinden zu unterscheiden - jeder kann ein potenzieller Selbstmordattentäter sein.
Der wichtigste Film dieser Art ist Tödliches Kommando, der 2010 den Oscar für den besten Film gewann. Stilistisch äußert sich die neue Unübersichtlichkeit des Krieges in schnellen Schnitten und rasanten Handkamerafahrten, die keinen ordnenden Überblick über das Geschehen ermöglichen. Das eindrucksvollste Beispiel für diese Inszenierungsart ist Black Hawk Down (2001), der zwar 1993 in Somalia spielt, aber ein stilistisches Vorbild für die Filme über den Antiterrorkrieg abgibt.
Die Klassiker: 10 Kriegsfilme, die man gesehen haben muss
Im Westen nichts Neues (1930)
Wege zum Ruhm (1957)
Die Brücke am Kwai (1957)
Die Brücke (1959)
Catch 22 - Der böse Trick (1970)
Die durch die Hölle gehen (1978)
Apocalypse Now (1979)
Full Metal Jacket (1987)
Der Soldat James Ryan (1998)
Tödliches Kommando (2010)